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Freitag, 31. Januar 2025

# 083 Transformation durch Kultur - C the unseen im Januar 2025

C inside the opening – Notizen eines Magdeburgers von der Eröffnung der Europäischen Kulturhauptstadt Chemnitz

18. Januar 2025, mein Kollege Philipp Schmidt und ich am Hauptbahnhof Magdeburg, Gleis 7. Die Bahnhofsuhr zeigt 10.17 Uhr. Aber: Zwei, dann drei RE 13 Richtung Leipzig gestrichen. Ersatzlos. Mein Bahnoptimismus: „Statistisch gesehen sind zwei Drittel der Züge pünktlich …“ friert bei zwei Grad minus und Nebel allmählich ein. Gestrichene Züge fallen auch aus der Statistik. Logischer Schluss.

Mir fällt ein Gespräch mit einer Kollegin ein. Sie ist etwa so alt wie ich, und sie erinnerte sich an fahrende Züge. An einen Sonderzug gar. Nach Karl-Marx-Stadt im Mai 1967. Es war warm zum Pfingsttreffen der FDJ, es gab wohl noch den Optimismus des Aufbruchs, der Jugendlichkeit. Der Sonderzug bestand aus Güterwagen, trotzdem empfand man die Mitfahrt als Auszeichnung. Achtzigtausend oder neunzigtausend junge Menschen, atemlos gewissermaßen bei der Abenteuersuche. Es gab den „Oktober-Klub“ zu sehen, man sang mit, war fröhlich. „Ich war nicht mehr dort, seit Karl-Marx-Stadt wieder Chemnitz heißt“, schloss sie.

„C the unseen“ passt, denke ich. Aber kein Sonderzug nach Chemnitz, kein RE nach Leipzig, nur Nebel. Unplanmäßig sind wir in Halle, von dort mit der S-Bahn nach Leipzig, endlich den RE 6 Richtung Chemnitz erwischt. Im Vorbeifahren lerne ich mir bislang unbekannte Ortsnamen kennen: Großpösna, Otterwisch ... Reisen bildet. Ein gutes Omen: Blauer Himmel in Chemnitz, C sees the sun. Bunter Empfang. Menschen, Hinweisschilder, Alte, Junge, Programmflyer, Familien. Philipp zu seinem, ich erstmal zu meinem Hotel, Rucksack abwerfen.

Schwarzer Block? Demo vor meinem Hotel, junge Menschen aus der Antifa-Bewegung, Basswummern, Parolen gegen die Rechten. Am Telefon der Kollege: Die Braunen marschieren gerade vor seinem Hotel. Polizisten müssen sich an dem Katz-und-Maus-Spiel beteiligen. Bunter und größer: Die dritte Demo kommt mir entgegen: Alt, Jung, Familien, Lachen, Luftballons und bunte Fahnen, Kinderwagen, Lieder, Transparentaufschriften fordern Zusammenhalt.

Die Fröhlichkeit der Menschen in der Innenstadtstadt lässt die Demos vergessen. Volksfest mit Musik, auch Infostände, Bühnen, Tanz und Sport, Sanitäter, Nachmittags-Outdoor-Rave, Bier, Würstchen, Polizei, Döner, Straßenkünstler, Sportlerinnen auf Bühnen. Große Monitor-Wände, die die Eröffnungsfeier aus der Oper live übertragen. Davor geduldige Schlangen an den Bierbuden, die Menschen reden miteinander, haben wache Augen, manche lächeln. Wir behalten die gestylten Plaste-KUL-TUR-BECHER als Souvenir.

Wir sichern uns Stehplätze vor der großen Bühne. Noch fast zwei Stunden bis zur Show, die Sonne sinkt, es geht auf null Grad zu, der Platz füllt sich. Wie in sich ruhend das Karl-Marx-Monument, in C liebevoll „Nischel“ genannt, in dezentem grau-weißen-Licht, die überdimensionale Showtreppe steht ihm bis zum Hals, wie Schweiß von der Denkerstirn perlt ihm helle Taubenscheiße. Der Riesenkopf, der sich „Das Kapital“, ausdachte, wie eingefangen unter dem Halbrund des transparenten Bühnendachs. C „The Capital of Culture“. Es dämmert. Rechts und links der Bühne Batterien von Scheinwerfern, die Lichtfächer in den Dunst stanzen. Im Hintergrund dezente Elektro-Lounge-Musik. Warmhalten und die Logistik klären! Wo sind die Toiletten? Noch einen heißen Kinderpunsch, Glühwein, eine Bratwurst oder Falafel. Oder doch ein Bier? Es wird voller, enger. Mäntel und Jacken gehen auf Tuchfühlung.

„Wir müssen uns etwas einfallen lassen, uns warmhalten, vielleicht eine Aktion mit den Leuten um uns herum?“, versuche ich meinen Kollegen zum Mitmachen zu motivieren. „Es dauert noch eine halbe Stunde, bis es losgeht.“ „Du hast doch bestimmt schon eine Idee, oder?“, vermutet er. Der Ball ist wieder bei mir.  Hinter uns ist eine gut gelaunte Frauen-Clique in fast aufgekratzter und übermütiger Stimmung. Einiges habe ich von ihren Gesprächen mitbekommen, manches wegen ihrer sächsischen Aussprache nicht. Ich spreche sie an, ob sie mitmachen würden, die anderen zum gemeinsamen Aufwärmen zu bringen. „Jetzt gehts los! Jetzt gehts los!“, skandieren wir, klatschen im Takt mit. Leider steckt es andere nicht an, aber wir kommen ins Gespräch und "outen" uns als Magdeburger. "Wir wären auch gern Europas Kulturhauptstadt geworden, aber ihr habt das Rennen gemacht. Herzlichen Glückwunsch, wir wünschen euch ein schönes Jahr!" „O je, bei euch ist ja das Schreckliche passiert, schlimm.“ Die erste Reaktion. Ja, schlimm.

Es sind begeisterte Chemnitzerinnen, sie schwören auf europäische Verständigung. Ich lerne, dass zu Karl-Marx-Stadt-Zeiten die Abkürzung KMS sächsisch so vernuschelt wurde, dass „CMZ“ als vernischeltes „Chemnitz“ verstanden werden konnte, wenn man wollte. Aber die Frauen stehen zu ihrem Karl. Auch wenn seine Ideen vom Sozialismus inzwischen Patina angesetzt haben: Sie hatten etwas! Nur was daraus gemacht wurde ... Ich glaube, sie mögen ihren „Nischel“.

Wir erzählen von unseren Städten und finden Gemeinsamkeiten in Größe, Struktur, Geschichte. C und MD haben beide keinen regulären ICE-Anschluss. Das solidarisiert.

Es ist kurz vor 19 Uhr. Als Team C-MD starten wir einen zweiten Versuch: „Jetzt gehts los!“ Es steckt an, bricht aber plötzlich doch ab, denn die Hintergrundmusik stoppt, die Scheinwerfer bewegen sich, Weiß wird zu Blau, Rot, Grün und auch Farbumschläge rund um den „Nischel“. Geht’s los? Über uns laute Trompetenklänge, Laserstrahlen zeigen an, woher: Sie kommen vom Hochhaus links hinter uns und von dem hohen Gebäude rechts hinter uns. Trompetenklänge auch vor uns vom Dach des Plattenbaus hinter dem „Nischel“. Sie werden zum Trompeten-Laser-Zusammenspiel über unseren Köpfen. Töne und Laser wechseln sich ab, auch im Umlauf, immer schneller, immer mehr und dichter, alles überspannt uns wie ein Dach. Die Blicke nach oben, hin und her, man dreht und blickt sich an.

Break, Ruhe im Rund, die Scheinwerfer halten still. Eine Stimme. Woher? Vom „Nischel“! Bundespräsident Walter Steinmeier auf der obersten Stufe, winzig im Vergleich mit dem Steinkopf. Das Präsidentenhaupt unterhalb der Oberlippe des Monuments. Die Rede erfreulich knapp. Applaus. Abtritt. Auftritt der Moderatorin, frech, direkt: Anna Mateur, eloquent, rotzig. Passt. Januar-Klub straff durchgetaktet: Rap, Bandoneon-Tango-Orchester, Breakdance, Bosse und mehr. Mal rhythmisch, dann poppig, auch sentimental, vorsichtiges Mitwiegen der Menschen. Lightshow. Visualisierungen auf den Show-Stufen, Scheinwerfer rotieren, zucken, zeichnen Lichtfiguren in die Nacht. Das Monument in den verschiedensten Lichtstimmungen. War das gerade nicht der Kopf von Otto von Guericke anstatt Marxens Kopf? Kann nicht sein, „unseen Otto“! DJ Paul Kalkbrenner mit einem kurzen Set und einem kurzen Tschüss. Kommt noch was? Nein, kein Finale wie üblich, keine Abschiedsworte von Anna Mateur. Es ist ja
der Anfang für ein ganzes Jahr. Macht Sinn.

Nun wie vorher wieder die gediegene Lounge-Musik, der Marx-Kopf wieder in stabilen Grautönen, die Scheinwerfer wieder Richtung Himmel ausgerichtet. Soll C jetzt auch von oben gut sichtbar sein, denke ich. Die Menschen bleiben noch am Platz, müssen wohl wie wir dieses 60-Minuten-Power-Feuerwerk in den Köpfen abkühlen, sacken lassen. Es wird geredet, gelacht, die Ess- und Trinkbuden werden belagert. Wir verabschieden uns von der netten Frauengruppe, die weiterziehen will. „Kommt unbedingt wieder, es gibt so viele tolle Sachen in Chemnitz und Umgebung zu entdecken“, motivieren sie uns für ein Wiedersehen im „Unseen“.

Wir lassen uns im Gewühl treiben zwischen Techno auf dem Marktplatz, Rave in einem kleinen Park, zwischen Elektro auf Bühnen und den Gassen mit Straßenmusikern.

Zwischenmahlzeit, asiatisches Schnellrestaurant, Glückskeksbotschaften: „Dein Leben wird durch Eindrücke und Bekanntschaften bereichert“ und „Sie können Ihrem Traum begegnen“. Philipp und ich erkundigen uns nach Traum-Events oder Begegnungsmöglichkeiten in Clubs für die Nacht. Aber die sind überfüllt. In der „Open Oper“ gerade Ende des Swing-Konzerts, aber noch rappelvoll. Kein bekanntes Gesicht. Meine Euphorie nimmt ab. Die Beine schwer. Zurück ins Hotel.

Rückzüge und Rückblicke

Der Alltag holt uns am Sonntag mit Bahn-Resilienz-Roulette auf dem Rückweg ein. Verspätung fürchtend, nehme ich einen früheren und pünktlichen Zug nach L, um dort sicher den Anschluss nach MD zu erreichen. Im Abteil komme ich mit einem älteren Paar, das mit großen Koffern unterwegs ist, ins Gespräch. Ob sie auch bei der Eröffnung gewesen sind? „Klar, wir waren gestern auch dabei, das wollten wir nicht verpassen, wir haben unsere Kreuzfahrt ab Hamburg dafür extra später terminiert. „Und: Wie fanden Sie es?“ „Einfach toll, wir waren begeistert!“

Phillip nimmt in C den späteren, von uns ursprünglich geplanten Zug nach L, der auch pünktlich ist. Gemeinsam und pünktlich, positiv für die Verspätungsstatistik und meinen Bahn-Optimismus, geht es von L weiter nach MD.

Am Montagmorgen sehe ich auf der Titelseite der Magdeburger „Volksstimme“ ein Bild von der Bühne mit dem „Nischel“, darunter in gleicher Größe ein Bild von der Demonstration der rechtsextremistischen Gruppierung „Freie Sachsen“. Das ergibt ein falsches Gesamtbild.

Bad news bleiben schlechte Nachrichten, sie helfen nur bei der Pflege von Narrativen, wie etwa: „Der Osten ist mehrheitlich rechtsradikal.“ Hier wäre mehr Sorgfalt vonnöten gewesen. Schade.

Ich reihe meine Erfahrung mit der Stimmung in C in andere persönliche Erlebnisse ein: Etwa meinen Besuch der Olympischen Spiele 1972 in München und in Jahr 2000 auf der Expo in Hannover, mein Dabeisein, als R.E.M. auf dem Magdeburger Domplatz zum 1200. Stadtjubiläum spielten, mein Miterleben des Public-Viewing-Sommermärchens 2006, meine Reisen in die Kulturhauptstadtregion Ruhrgebiet 2010 und zur Expo in Mailand 2015. „Und zwischen 1972 und 2000 gab es kein wichtiges Erlebnis für dich?", würde Philipp mich fragen, da er doch in diesem Zeitraum in Magdeburg geboren wurde. Doch, doch, würde ich antworten, zum Beispiel, der Mauerfall 1989. Der gehört auch in die Reihe als Beginn einer Transformation, auch in die von C.

Chemnitz, wir sehen uns!

Video von unserem Besuch unter

https://youtu.be/T32dD2ZEw9k

 

Fotos von Herbert Karl von Beesten und Philipp Schmidt

Donnerstag, 12. Dezember 2024

# 076 Ausgemistelt - Hinterm Horizont nichts weiter? Magdeburger Transformation

Dort, wo in Magdeburg der Breite Weg die Ernst-Reuter-Allee kreuzt, steht auch Ende 2024 in der Advents- und Weihnachtszeit am Allee-Center ein Objekt der Lichterwelt. Es heißt in diesem Jahr in der offiziellen Liste (MD_Lichterwelt-Karte_2024.pdf) noch „Intel-Mistelzweig“.

Intel ausgemistelt?

Der Standort ist aber in dem dazugehörenden Lageplan nicht eingezeichnet. Ist man an der besagten Kreuzung, befindet sich dort doch die Lichtinstallation, allerdings ohne den Spruch der beiden letzten Jahre: „Happy to be in Magdeburg“, das krönende Intel-Logo darüber fehlt. Die Intel-Version ist aber noch als Foto auf der Startseite der Lichterwelt-Internetseite zu sehen. Virtuell ist der „Intel-Mistelzweig“ noch vorhanden, in der Realität ist erst einmal ausgemistelt. Symptomatisch für die aktuelle Situation?

Ich möchte kein Salz in noch frische Wunden streuen und die Vorweihnachtszeit nicht mit schlechter Stimmung vermiesen, denn geblieben ist der hoffnungsvolle, stilisierte Mistelzweig unterhalb der Spitze der sich kreuzenden Tannengrünbögen.

Missgeschick Intel-Mistel-Kiss verpasst

Um den Mistelzweig ranken sich viele Mythen, viele Bräuche sind damit verbunden. Hätte man sie ernster nehmen müssen? Hätten sich unsere Oberbürgermeisterin Simone Borris und der gerade ausgeschiedene Intel-CEO Pat Gelsinger sich in der Adventszeit 2022 unter diesem Mistelzweig geküsst … Wäre es vielleicht dann nicht zur Trennung (auf Zeit) gekommen?

Hätte Ministerpräsident Reiner Haseloff unter dem Mistelzweig am Allee-Center einen Bruderkuss mit Pat Gelsinger im Advent 2023 getauscht, wäre dann die schwebende Scheidung nicht aufs Tableau gekommen? Aber Bruderküsse führen nicht immer zum Zusammenbleiben, wie die Geschichte beweist. Erich Honecker und Leonid Breschnew schienen sich auch zu mögen und küssten sich, wie noch heute das ikonografische Graffiti an der Berliner Mauer zeigt. Was wäre passiert, wenn die beiden die Zärtlichkeiten unter einem Mistelzweig ausgetauscht hätten?

Mistel-Mythen und Sagen wagen

Die weißbeerige Mistel (botanisch Viscum album) ist auch weiterhin ein freundlicher Magdeburger Willkommensgruß. Sie wird seit dem 19. Jahrhundert als Weihnachtsschmuck verwendet und ist beispielsweise als Türdekoration sehr beliebt, auch wenn sie als Halbparasit ihrem Wirt Wasser und Nährstoffe entzieht. So bei Wikipedia nachzulesen.

Der Mistel werden geheime Kräfte zugesprochen. Die Pflanze soll Gesundheit, Fruchtbarkeit, Mut und Glück bewirken. Die Griechen der Antike sahen in ihr ein Mittel gegen Gift. Andere Völker, wie beispielsweise die Germanen, waren der Ansicht, dass sie die Menschen beschütze. Den Druiden diente sie als magische Beigabe und war auch für Miraculix in „Asterix und Obelix“ eine wichtige Zutat für den Zaubertrank.

Man tut also gut daran, die Misteltradition in Magdeburg fortzuführen. Wer weiß, von wem der zukünftige Intel-CEO, wenn er einmal nach Magdeburg kommen sollte, geküsst wird. Die Mistel ist das richtige Symbol für die Perspektive, die ich aufzeigen möchte. 

Manche Bilder brauchen Worte, manche nicht ...


Neulich stand ich an einem ungemütlichen, nasskalten Dezembertag an der schon fertiggestellten B-81-Abfahrt zur geplanten Intel-Ansiedlung. Die Abbiegespur aus Richtung Magdeburg wird nach nur wenigen Metern mit fünf kräftigen Betonpollern blockiert, als wäre dahinter ein Weihnachtsmarkt. Hundert Meter weiter endet der glänzende Bitumenpfad stumpf am Bördeacker, dem Feldhamster-Niemandsland, wo sich Fuchs und Hase in Kürze „Frohe Weihnachten“ und „Prosit Neujahr““ wünschen werden. 

Keine Märchen

Diese Straße wird früher oder später weitergebaut, da bin ich sicher. Vielleicht führt sie doch noch zur Intel-Chipfabrik? Zurzeit scheint es wahrscheinlicher zu sein, dass sie in einigen Jahren zu einem anderen Großunternehmen führt, oder ist die Abfahrt für breite Großkonzerne verpollert , so gibt es zwischen den Pfosten Lücken, durch die schmale Unternehmen schlüpfen könnten. Transformation wird auf jeden Fall stattfinden, sie lässt sich nicht aufhalten, so oder so. Durch die nun zusätzlich zur Verfügung stehende Zeit könnte sie heilsamer, ökonomischer und ökologischer werden, auch wenn bis dahin noch viel Wasser die Elbe hinunterfließen wird. Alles fließt, panta rhei. Auch die Zeit, in der die durch das „Projekt Intel“ geschlagenen Wunden im gegenseitigen Respekt geheilt werden könnten. Engagement in Sachen Transformationsbegleitung ist also weiter gefragt. Wenn man auf dem Foto des Straßenstumpfes ganz genau hinsieht, sind auf der Baumreihe am Horizont eine große Menge dieser kugelförmigen Mistelgebilde zu entdecken. Genug für viele Küsse, ausreichend für Zaubertränke. Von wegen: Am Horizont nichts weiter.


Blog geht weiter – Round Table zur Transformation

Auch dieser Blog geht weiter, wenn auch nicht mit der bisherigen Schlagzahl, Slow Motion ist angesagt. Ich fühle und zähle also weiter den Pulsschlag der Magdeburger Transformation.

Ich werde auch darüber berichten, wie sich aus dem harten Kern der Teilnehmer meiner Vorträge in der Stadtbibliothek ein Round-Table-Gesprächskreis aus Magdeburgern und Magdeburgerinnen entwickelt und was dort passiert. Einige Personen haben dafür Interesse gezeigt. Ein erster Termin für Januar 2025 ist in Vorbereitung und wird an dieser Stelle in Kürze veröffentlicht. Machen Sie, lieber Blogleser und liebe Blogleserin, auch mit? Dann bekunden Sie mir gerne unter beesten@HerbertBeesten.de Ihr Interesse.  Sie bekommen den Termin direkt zugesandt. Ich freue mich auf euer Kommen!

Mit meinem Lektor Albrecht Franke, der immer im Hintergrund für Blog-Qualitätskontrolle gesorgt hat, wünsche ich allen Followern angenehme Feiertage und einen guten Rutsch und neue Jahr, mit oder ohne Mistelzweig!

Sonntag, 4. August 2024

# 062 Kulturtipp: Transformationssommertheater in Magdeburg im August 2024

Wer geht mit auf die Reise?

Im Magdeburger Wissenschaftshafen findet wieder ein besonderes Theaterevent statt. Vom Samstag, dem 24. August, bis Dienstag, den 27. August 2024, präsentiert das Theaterensemble „Das letzte Kleinod“ jeweils ab 18:00 Uhr das Stück „HOTEL EINHEIT“. Aufgeführt wird es im und am theatereigenen ozeanblauen Zug, mit dem die Theatertruppe in Deutschland unterwegs ist und wo es während der Tournee auch lebt. Das Publikum ist „aufgefordert“, mit dem Ensemble eine Eisenbahnfahrt in die Vergangenheit von DDR-Hotels anzutreten. Ich hatte die Gelegenheit, mit Juliane Lenssen und Sven Reese von „Das letzte Kleinod“ zu sprechen.

 

Worum geht es?

Hotels, z. B. Interhotels, waren in der DDR einer der wenigen Orte, in denen sich Menschen aus Ost und West begegnen konnten. Die Restaurants, Nachtbars und Zimmer boten den Gästen einen ungewohnten Luxus. Überwachung durch die Stasi war in den Hotels alltäglich. Ehemalige Mitglieder des Personals von Hotels in Eisenhüttenstadt und Frankfurt (Oder) steuerten als Zeitzeugen ihre Erinnerungen an den Hotelbetrieb für das dokumentarische Theaterstück. Die Aufführung wird in mehreren Eisenbahnwaggons gezeigt, die mit originalen Möbeln und Objekten aus der DDR ausgestattet sind. Infos zu dem Stück sind unter www.das-letzte-kleinod.de zu finden. 


Juliane Lenssen vom Eisenbahntheater
„Das letzte Kleinod“ stellt das neue
Stück "HOTEL EINHEIT" im
Wissenschaftshafen vor.
„Über den Zaun“ schauen?

Im letzten Sommer konnte ich die Theatertruppe mit dem Stück „Über den Zaun“ an gleicher Stelle erleben, ich erwarte auch in diesem Jahr eine beeindruckende Inszenierung. Ich gehe davon aus, dass Zuschauern, die zu jung für eigene Erinnerungen an die dargestellte Zeit sind, sich diese durch kluge und emotionale Inszenierung - wie üblich bei dieser Theatergruppe - erschließen wird. Aber auch ältere Menschen ohne „klassische DDR-Biografie" werden sich zurückversetzt fühlen - so erlebte ich es 2023.

Die Gruppe aus Schauspielern, Schauspielerinnen, Support- und Organisationspersonal ist bunt gemischt: aus Ost und West. Mit dem in Stendal geborenen Sven Reese, der 1999 und 2000 auch in den Magdeburger „Freien Kammerspielen“ als Schauspieler auf der Bühne stand, gibt es vielleicht für einige Zuschauer ein Wiedersehen.

 

Und was hat das mit der Intel-Ansiedlung zu tun?

In den nächsten drei, vier Jahren werden voraussichtlich ca. 7.000 Menschen aus Deutschland und dem Ausland Magdeburg zusätzlich bevölkern, um die Intel-Chip-Fabs aufzubauen. Viele davon werden in Hotels, Pensionen und Gästewohnungen „untergebracht“ sein. Die Magdeburger Hotelbranche und andere Beherbergungsstätten werden davon profitieren, sie stellen sich schon darauf ein. (Siehe auch meinen Blog-Beitrag über ein „spezielles Hotelerlebnis“ https://herbert-karl-von-beesten-intel-blog.blogspot.com/2023/12/11-verwandeln-verbergen-gesundbeten.html )

 

Was werden die vielen Gäste neben der Arbeit in Magdeburg machen? Wird sich daraus eine geschlossene Gesellschaft entwickeln, deren Integration die Magdeburger Bevölkerung nicht kümmert, weil sie ja doch wieder „weiterzieht“? Wie kann man für diese Gruppe nicht nur deutschsprachige Angebote im Bereich der Kultur, des Sportes und der Unterhaltung schaffen, die nicht an „Gastarbeiter-“ oder „Vertragsarbeiterzeiten erinnern? Welche Probleme, aber auch Chancen ergeben sich, mit denen wir als Magdeburger umgehen müssen?

 

 

Willkommenstrainingslager

Schauspieler Sven Reese vom Ensemble „Das letzte Kleinod“
spielt vor alten Eisenbahnwagen am Wissenschaftshafen
eine Szene aus dem Stück „Hotel Einheit“ 

Vielleicht ist diese „Bau-Zwischenphase“ so etwas wie eine „Willkommensübungswiese“ für Magdeburg mit Blick auf die erwarteten dauerhaften Zuzüge von Menschen mit ihren Familien, wenn die ersten Chips-Fabs und Zulieferbetriebe in Betrieb sind? Jetzt ist noch Zeit, die ersten Weichen für das Magdeburger „Hotel Einheit“ zu stellen.

 

Ausblick

Vielleicht wird in fünf oder zehn, oder aber auch erst in 30, 40 Jahren ein Theaterstück über die Veränderungen des Magdeburger Hotellebens im Zuge der Intel-Ansiedlung inszeniert. Einige von uns könnten dann bei Recherchen als „Zeitzeugen" fungieren und berichten, wie „es damals im Transformationszug nach Irgendwo“ war. 

Montag, 22. Juli 2024

# 058 Intel in Magdeburg - Chance oder Challenge? Eine Podiumsdiskussion

Wollen wir oder wollen wir nicht? - Eine Podiumsdiskussion

Am Dienstag, dem 9. Juli 2024, wurde diese Frage von einer Studentin und einem Studenten der Hochschule Magdeburg-Stendal in der gleichnamigen Veranstaltung an die Podiumsgäste gestellt. Die beiden Studierenden des Master-Studiengangs Journalismus versuchten, die vier Antwortgeber auf der Bühne in die Zange zu nehmen, von links und rechts.

Dort saßen, wie auf den Bildern zu sehen,

  • Jan Schumann, Korrespondent der Mitteldeutschen Zeitung,
  • Susanne Wiedemeyer, DGB-Landesleiterin Sachsen-Anhalt,
  • Mathias Grabow, Sozialkombinat Ost,
  • Dr. Jürgen Ude, Staatssekretär für Strukturwandel und Großansiedlungen in der Staatskanzlei des Landes Sachsen-Anhalt.

Der Saal war mit etwa 80 - 90 Personen bis auf den letzten Platz besetzt. Etwa die Hälfte des Publikums bestand aus jungen Menschen, wahrscheinlich Studierenden der Hochschule. Ich entdeckte auch ältere Teilnehmer und Teilnehmerinnen, die ich schon bei ähnlichen Veranstaltungen gesehen hatte. Neben Privatleuten auch Vertreter der (Wohnungs-)Wirtschaft, der Politik und der Hochschulen. Ich konnte noch in der letzten Reihe neben einem jungen Mann einen Sitzplatz ergattern.

Ein „Kreuzverhör“ wurde es auf der Bühne nicht. Eine Gruppe von Studierenden um die beiden Moderatoren hatte die Veranstaltung im Rahmen eines Seminars vorbereitet und die naheliegenden Fragen zusammengestellt. Anfangs etwas holprig, aber dann lockerer und spontaner werdend, nahm die Veranstaltung ihren Lauf. Viel sachlich Neues zur Intel-Ansiedlung war für mich nicht zu erfahren. Für den einen oder die andere mag aber auch Neues dabei gewesen sein.

Falsch war die Aussage der Moderatorin, dass die Chips zwei Nanometer groß wären. Dieses Maß betrifft die kleinsten Strukturen in den zukünftig in Magdeburg zu produzierenden Chips. Die Chips selbst sind „nackt“ und unverpackt einige Hundert Quadratmillimeter „groß“. Mehrere Quadratzentimeter groß in einem Chip-Gehäuse mit Anschlüssen, nachdem sie anschließend in Polen „verpackt“ worden sind.

Als richtig empfand ich die Besetzung des Podiums – nicht als so typisch wie bei vielen anderen Intel-Veranstaltungen. So wurden verschiedene Perspektiven auf das Projekt möglich. Intensiv wurden die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt diskutiert– speziell auch die Lage auf „Nebenschauplätzen“ des Fachkräftemangels, etwa in Schulen und Kitas. Dazu passte auch die Forderung nach „ordentlichen“ Tarifabschlüssen und angemessener Bezahlung, nicht nur für die Intel-Beschäftigten.

Auf dem Podium: Visionen, Befürchtungen, Fragen, Trost, Hoffnungen, Zweifel, Antworten und Widersprüche - in Stichworten

  • Schon wahrzunehmende Preissteigerungen im Wohnungs- und Immobilienmarkt.
  • Zu langsamer Ausbau der Nahverkehrs-Infrastruktur und überregionalen Verkehrsanbindungen, inklusive einer witzig gemeinten ICE-Anspielung.
  • Das Problem Arbeitsplätze kontra Fachkräftemangel kann man lösen. Aber wie?
  • Kommen die kleinen und mittelständischen Unternehmen „unter die Räder“?
  • Kann die Stadtplanung das Tempo mithalten?
  • Die neue Mobilitätsstudie mit Blick in die Zukunft soll am 19. September von der zuständigen Ministerin vorgestellt werden.
  • Die Frage nach den tatsächlichen Inhalten der bislang geheim gehaltenen Verträge mit Intel wurde nicht beantwortet.
  • Zieht Intel das in der jetzigen, unsicheren Marktsituation durch?
  • Könnten durch höhere Steuereinnahmen auch mehr Sozialleistungen ermöglicht werden? 
  • Das Gehaltsniveau steigt, Ostdeutschland ist nicht mehr abgehängt.
  • Willkommenskultur hat noch Luft nach oben.
  • Durch mehr Englischkenntnisse in der Bevölkerung ist auch mehr Öffnung möglich.
  • Intel soll bei Wasserverbrauch und Kommunikation kein Tesla 2.0 werden.
  • Blick nach Leipzig zeigt, was dort mit den Ansiedlungen von DHL, BMW und Porsche gelungen ist.
  • Bevölkerungszuwachs und Ausbau der Hochschul- und Institutslandschaft.
  • Das sind Probleme, die nicht an der Intel-Ansiedlung festgemacht werden dürfen, denn die gelten für ganz Deutschland.
  • Gefahr einer Zweiklassen-Ausländer-Gesellschaft.

Verständnisschwierigkeiten: Im Gespräch mit dem jungen Mann neben mir erfahre ich, dass er Ausländer ist und Maschinenbau an der Hochschule Magdeburg-Stendal studiert. In der Hochschule wurde viel Reklame für die Veranstaltung gemacht. Er findet das Thema sehr interessant. Aber die Tonqualität der Lautsprecheranlage ist schlecht, auf der Bühne wird obendrein oft undeutlich und sowieso zu schnell gesprochen. Obwohl mein Nachbar gut Deutsch spricht, kann er kaum folgen und ist etwas verärgert. Ich selbst kann auch nur mit Mühe folgen.   

Was sagt das Publikum?

Zum Ende der Veranstaltung wurde auch dem Publikum die Gelegenheit gegeben, Fragen an das Podium zu stellen. Dabei stand, wie zu erwarten, das Thema Wasser, Boden und Energie im Mittelpunkt. Der Staatssekretär verwies auf das Konzept – als wäre das alles schon endgültig – wie über die Elbe, den Mittellandkanal und die Ohre der nötige Nachschub für das zusätzlich beanspruchte Grundwasser in der Colbitz-Letzlinger Heide und somit für das Magdeburger Wasserwerk gewährleistet werden kann.

Ich erinnere mich an die Verhandlung der Einwände zur Teilgenehmigung der Intel-Ansiedlung vom 29. Mai 2024 in der Johanniskirche. Da wurde das vom Staatssekretär vorgestellte Wasserkonzept als noch nicht ausgereift diskutiert und bedurfte noch weiterer Untersuchungen und Genehmigungen. Eine der offenen Fragen war auch die noch nicht einschätzbare Beeinflussung des Feuchtgebietes und Biosphärenreservates Drömling. Siehe dazu auch- Aufwärtskompatibel? Neue Industriekultur in Magdeburg durch Intel?: # 055 Ja und Amen? Die Anhörung. (herbert-karl-von-beesten-intel-blog.blogspot.com)

Als die kritischen Stimmen sich mehrten und mit Applaus bedacht wurden, stellte der Staatssekretär die ultimative Frage, die etwa so klang: Wollen wir Intel oder wollen wir Intel nicht? Er versuchte, so einen Konsens im und mit dem Publikum herbeizuführen.

Konsens oder Konsent?

Dass man mit einem „Brechstangen-Konsens“ nicht immer gut fährt, war bereits Andrew Grove, einem der Intel-Gründer, bewusst. Er propagierte, als einer der ersten in der Wirtschaft, das Prinzip des Konsents. Es bedeutet, dass zwar eine Konsensentscheidung angestrebt werden soll, wenn es aber schwerwiegende Einwände gibt, darf man sich nicht einfach darüber hinwegsetzen. Wie man einen „Konsent“ in der Wirtschaft managt, hat Andrew Grove schon in den 70er-Jahren mit dem Prinzip „Disagree and commit”, also: „Nicht einverstanden sein und sich trotzdem verpflichten“ beschrieben. Das wurde und wird gewiss bei Intel gelebt, es gehört also gewissermaßen zur DNA von Intel. (Infos zum „Konsent“ findet man auch unter: https://digitaleneuordnung.de/blog/konsent/ )

Mit dem Konsent hat man in der Wirtschaft gute Erfahrungen gemacht, man findet ihn auch in der „Agilen Methode“ in der Software-Branche. Warum sollte das Prinzip nicht auch für die Politik bei der Durchsetzung der Intel-Ansiedlung gelten? Bei einem „erzwungenen“ Konsens – also entweder oder! Vogel, friss oder stirb! – besteht die Gefahr, dass die Politik früher oder später doch von den schwerwiegenden Einwänden eingeholt wird, obwohl man offiziell alle Genehmigungen durchgepaukt hat.

Andrew Grove hat noch andere verblüffende Überlegungen angestellt. Dazu ein Gastbeitrag hier im Blog: https://herbert-karl-von-beesten-intel-blog.blogspot.com/2023/12/25-ein-gastbeitrag-von-dr-franz-will.html

Am Ende

Der Student neben mir verabschiedete sich Mein Nachbar verabschiedete sich kurz vor Ende der Veranstaltung plötzlich mit einem bedauernden Kopfschütteln und deutete an, dass er wohl nicht viel verstanden habe. Schade, ich wollte ihn nach der Veranstaltung noch fragen, ob er sich vorstellen könnte, nach seinem Studium in Magdeburg eine Arbeit bei Intel oder den Zulieferern aufzunehmen. Diese Chance war dahin.

Die finale Frage: Chance oder Challenge? Die wurde abwechselnd  von der Moderatorin und dem Moderator an die vier auf der Bühne gestellt. Sie sollten sich für das eine oder andere entscheiden. Das Ergebnis: 3:1 für die Chance!

Mein Vorschlag: Die zukünftige Chance für Magdeburg durch die Intel-Ansiedlung ist auch zugleich eine große Challenge, also eine riesige Herausforderung. Das „oder“ sollte durch ein „und“ ersetzt werden: „Chance UND Herausforderung?“ So hätte die Antwort auf der Bühne 4:4 heißen können.

Weitere Herausforderungen:

Beim Verlassen des Forums Gestaltung fotografierte ich noch die Kleinbusse der gerade abrückenden Polizei auf der Brandenburger Straße. Wir hatten wohl Polizeischutz. Da sind meine Gedanken schon weiter bei der regionalen, deutschen und weltweiten Politik. Es ist derzeit vieles in Bewegung, was auch das Intel-Projekt betreffen kann. So wurde ich in den letzten Tagen von einem ausländischen Journalisten gefragt, ob ich nach den Europawahlen ein zunehmendes Zittern in Intel-Kreisen spüre, und zwar wegen der Möglichkeit einer AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt. Um kompetent antworten zu können, bin ich zu weit von den „Intel-Kreisen“ entfernt, war meine Antwort. Ich glaube auch, dass man ein mögliches „Zittern“ unter der Decke halten würde.

Fakt ist, dass das endgültige „Go“ noch an viele Voraussetzungen gebunden ist. Nicht nur an die Freigabe der deutschen Subventionen in Brüssel, sondern auch von weiteren Genehmigungen zu den Themen Wasser, Boden sowie für den eigentlichen Betrieb der Intel-Gesamtanlage.

Als Unsicherheitsfaktor kommt ein weiterer Aspekt dazu: Die Pläne des US-Präsidentschaftskandidaten Donald Trump zu neuen Einfuhrzöllen, Steuererleichterungen für Unternehmen, zur Taiwan-Politik sowie seine extreme „America first“-Ideologie. So kann ich mir vorstellen, dass Intel die Landtagswahlen im Herbst abwartet sowie die Präsidentschaftswahlen im November, dann möglicherweise die Ansiedlung in Magdeburg noch einmal durchrechnet, um dann mit der Methode „Disagree and commit” zu entscheiden.

Dazu titelt das „Handelsblatt“ in Newsletter vom 18.7.24: „Down dank Donald: Trump-Äußerung lässt Chip-Kurse einbrechen.“ Siehe auch den Artikel: ASML, Nvidia, TSMC, AMD: Aktienkurse der Chiphersteller brechen ein (handelsblatt.com). Allerdings kommt die Intel-Aktie dabei gegen den Trend gut weg, weil Intel eigene Chipfabriken auch in den USA hat. Zu positive Intel-Einschätzungen verhindern dagegen Probleme im Alltagsgeschäft mit Intel-Prozessoren https://www.ntg24.de/Intel-Totalausfall-18072024-AGD-Aktien

Wie wird wohl die Kritik und die Auswertung der Seminargruppe aussehen, die die Veranstaltung vorbereitet und durchgeführt hat? Ob sie meiner Einschätzung folgen?

Noch zwei interessante Podcast-Links:

Wasser und Intel: https://www.deutschlandfunk.de/130-liter-4-6-wie-intel-mit-wasser-versorgt-werden-soll-dlf-7340224b-100.html

PFAS (auch bei der Halbleiterproduktion verwendet) PFAS im Rhein - Wie Chemikalien Wasser für immer verschmutzen (deutschlandfunk.de)

Freitag, 5. Juli 2024

# 057 Im Grabungs- und Spannungsfeld zwischen Archäologie & Transformation ‒ Eine Selbstvergewisserung

„Funde vom Intelgelände werden gezeigt“, hieß es am Montag, dem 24. Juni 2024 in der Magdeburger „Volksstimme“. Nur eine einspaltige Randnotiz ohne Bild wies auf die Veranstaltung am nächsten Nachmittag hin.

Für mich ein Pflichttermin. Ich konnte meine Teilnahme an diesem heißen Sommertag kurzfristig einrichten.

Es war eine gelungene und sehr gut besuchte Veranstaltung im angenehm kühlen Kaiser-Otto-Saal des Magdeburger Kulturhistorischen Museums.

Ein Vertreter des städtischen Wirtschaftsdezernats eröffnete kurz und bündig, danach folgte ein lockerer und erfrischender Vortrag von einer Stunde Dauer, gehalten von der zuständigen Abteilungsleiterin vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt. Sie verstand es, ihre Begeisterung über die Grabungsergebnisse auf dem Eulenberg, dem zukünftigen Ansiedlungsgebiet von Intel, zu vermitteln und mich und andere Besucher und Besucherinnen damit „anzustecken“.

Ich war einer der mehr als hundert, meist älteren Zuhörer und Zuhörerinnen im Publikum, die den spannenden Ausführungen, ergänzt durch Bilder von den Fundstücken im „Intel-Acker“, folgten.

 

Worum geht es mir nicht?  Selbstvergewisserung I

Nicht um die Wiedergabe der erstaunlichen Ergebnisse und die wertvollen Funde. Immerhin kam hier ein in Europa sehr seltenes Ensemble von mehreren Gräbern, einem Prozessionsweg und zwei künstlichen Hügeln (der letzten 5000 Jahre!) wieder ans Tageslicht. Spuren aus verschiedenen Epochen der frühen Besiedlung unseres Landes.

Über die Funde wird es noch ausführliche Darlegungen und auch Ausstellungen geben. In der „Volksstimme“ wurde schon am Tag nach dem Vortrag im überregionalen Mantelteil „Kultur und Leben“ unter der Schlagzeile „Die Rinder vom Intel-Acker“ von der Toten- und Grabkultur unserer Vorfahren aus dem Vorderorient berichtet.

Ich habe mich im Blog-Beitrag schon Anfang 2023 in gewiss laienhaften archäologischen Betrachtungen versucht. (Aufwärtskompatibel? Neue Industriekultur in Magdeburg durch Intel?: # 001 Archäologie vom Ende zum Anfang – Januar 2023 (herbert-karl-von-beesten-intel-blog.blogspot.com) Alles andere sei nun den Fachleuten überlassen.

 

Worum geht es mir?  Selbstvergewisserung II

Warum ist die Museumsveranstaltung zu den „Intel-Funden“ auf wesentlich größeres Interesse bei den Magdeburgern und Magdeburgerinnen gestoßen, im Vergleich zu zwei anderen Veranstaltungsformaten zum Thema Intel, obwohl dafür viel mehr Werbung gemacht wurde?

Der Kaiser-Otto-Saal füllt sich 

Werbung für andere Formate
Ich denke an meine regelmäßigen Blog-Lesungen und Gespräche zur Intel-Ansiedlung (auch mit Beteiligung von Fachleuten) in der Magdeburger Stadtbibliothek. Wenn das Thema dort mehr als 30 Zuhörer und Zuhörerinnen anlockte, war ich schon froh. Dabei ging es auch um heiße Themen, wie Chip-Technologie, Boden- und Wasserverbrauch. Auch die Resonanz auf eine der Veranstaltungen in dieser Reihe „Was hat Literatur mit Transformation zu tun?“, blieb trotz des bibliophilen Veranstaltungsortes recht bescheiden.

Das zweite Beispiel: Ende Mai 2024 gab es in der Magdeburger Johanniskirche die öffentliche Anhörung zu den Einwendungen im Rahmen des Genehmigungsverfahrens der ersten Teilgenehmigung zur Errichtung der Intel-Chipfabrik. Selbst dort waren im Vergleich zur Museumsveranstaltung weniger „Normalbürger“ im Publikum, wenn man die dienstlichen Vertreter der Verwaltungen und der Politik im Publikum nicht berücksichtigt. (Aufwärtskompatibel? Neue Industriekultur in Magdeburg durch Intel?: # 055 Ja und Amen? Die Anhörung. (herbert-karl-von-beesten-intel-blog.blogspot.com)

 

Erklärungsversuche

Das Thema „Intel“ rückte im Museum in den Hintergrund. Das Interesse des Publikums lag überwiegend im Bereich der Archäologie. Und ich habe mich auch dabei erwischt: Die heutigen Fragen zum Intel-Areal wurden vergessen, und ich verlor mich in Fantasien, was da vor 5000 Jahren wohl stattgefunden haben könnte.

Die Thesen der Steinzeitexpertin könnten dazu verleiten, sich von gegenwärtigen Unsicherheiten, Problemen und möglichen Überforderungen ablenken zu lassen. Erkenntnisse und Spekulationen, was sich dort in grauer Vorzeit abgespielt haben könnte, bringen einen nicht in die Gefahr, sein Selbst- und Weltbild korrigieren zu müssen.

Zukünftige Folgen von KI-Anwendungen, Klimawandel, Energie-, Wirtschafts- und Sozialpolitik haben auch mit der Magdeburger Intel-Ansiedlung zu tun. Es ist aber anstrengend, sich mit den Themen auseinandersetzen, zu recherchieren, Veranstaltungen zu besuchen und zu diskutieren. Trotzdem sind viele Magdeburger skeptisch, weil aus ihrer Sicht die Folgen der Intel-Ansiedlung nicht nur positiv sein können. Ein Widerspruch!

Vielleicht deshalb lieber sechstausend Jahre zurück, anstatt 50 Jahre vorausschauen? Aber was sind schon 50 Jahre, wenn man zum Beispiel an die Ewigkeits-Chemikalien oder andere Altlasten denkt? Hätten die Steinzeitmenschen diese damals auf dem Eulenberg schon hinterlassen, könnten die Archäologen sie auch heute noch finden.

Interessiert die Transformation zu Zeiten des Neolithikums, also der Wandel des Menschen vom Jäger und Sammler zum sesshaften Bauern, mehr als die Veränderung im Hier und Jetzt? Müsste es nicht viel reizvoller sein, sich mit den Umständen der Gegenwart zu beschäftigen, dabei zu sein und die Möglichkeiten zu nutzen, sie mitzugestalten?

Im Moment läuft gerade die Fußball-Europameisterschaft in Deutschland. Da schaut man sich doch auch lieber das gerade laufende Spiel live an und flüchtet nicht aus der Realwelt, indem man sich stattdessen eine Aufzeichnung eines alten Spiels ansieht. Obwohl: Regionalfernsehkanäle wärmen ständig Fußballereignisse von vor 50 Jahren auf. Publikum gibt es auch dafür.

 

Eskapismus

Lässt sich die ausführliche Beschäftigung mit der Archäologie auch mit Eskapismus erklären? Heraus aus der komplizierten und ambivalenten Jetztwelt, rein in die aufbereitete museale Vergangenheit. Bot die Teilnahme an der Veranstaltung im Kaiser-Otto-Saal nicht nur die Chance, vor der Hitze des Tages zu flüchten?

Ich wünschte mir größeres Interesse und die Beschäftigung der Magdeburger mit der Intel-Ansiedlung. Warum ist es noch nicht zu spüren? Drei Thesen:

  • Man verlässt sich auf die Heilsversprechungen der Politik und Technologie-Protagonisten, die verheißen, dass mit der sich immer weiterentwickelnden Technik alle Probleme gelöst werden, die Welt dadurch besser und gerechter wird.
  • Es könnte Resignation im Spiel sein: „Andere“ kümmern sich schon, man hat ja wie auf anderen Feldern der Politik letztlich keinen Einfluss, scheinbar sind schon alle Weichen gestellt. Der Eindruck wird vielleicht verstärkt durch mehr als 700 „Volksstimme“-Artikel mit Intel-Bezug, die zwischen vom Januar 2023 bis zum Juni 2024 erschienen sind. Ein Teil der Schlagzeilen suggeriert, dass eigentlich alles „in trockenen Tüchern“ sei. Und wer nicht aufmerksam weiterliest, bei dem müsste sich ein Gefühl entwickeln, dass alles schon „gelaufen“ ist.
  • Transformation „zu machen“ – das ist das Berufsfeld von führenden Frauen und Männern aus der Magdeburger Wirtschaft und Wissenschaft. Technische und gesellschaftliche Transformation „passiert einfach“. Das ist nachzulesen in der aktuellen 30-teiligen, täglich erscheinenden Artikelserie „Otto ist Transformation“ in der „Volksstimme“, initiiert von „Pro M Stadtmarketing“. In der Regel wird dort von den „Transformationsprofis“ durchweg die „Intel-Ansiedlung“ positiv im Kontext mit den zu erwartenden Veränderungen betrachtet. 

Lebt das Transformations-Pferd im Museum?

Aber vielleicht sind meine Thesen nur Futterneid, weil meine Veranstaltungen zum Intel-Thema nicht so stark frequentiert werden? Sollte ich nicht mehr „das tote Pferd reiten“? Oder: Kommt da, wenn nun die ersten Weichen gestellt sind, erst recht etwas Gewaltiges mit noch nicht abzuschätzenden Folgen – seien sie positiv oder negativ – auf Magdeburg zu, die ich dennnoch thematisieren sollte?

Die nächste Transformation ist immer die schwierigste. Ich gestehe: Beim Public-Viewing neulich, nach dem 2:0 Sieg im Achtelfinale, umschlungen vom schwarz-rot-goldenen Meer, hat es mich auch erwischt. Ich war weit weg von meinem Thema Transformation: Ein temporärer Eskapist bin ich auch.

 

Transformation und Eskapismus – Ein Paar mit Zukunft?

Ich habe, ähnlich wie die Archäologin bei ihrem Vortag im Museum, in meinem o. g. Blogbeitrag vom Januar 2023 auch darüber spekuliert, was die Archäologen in tausend oder zweitausend Jahren auf dem heutigen Intel-Acker am Eulenberg noch finden könnten. Man tappt dann vielleicht im Dunkeln, weil durch die Verluste der elektronischen Dokumentationen – das Schicksal droht auch diesem Blog – nicht auf physische Dokumente für Erklärungen zurückgegriffen werden kann. Man wird sich womöglich fragen. Was bedeutet der seltsame, komplizierte Kult-Gegenstand? Was diese langen Säulenreihen? Heute wissen wir (noch), dass es die komplexe Lithographie-Maschine ist und die Säulen die Stützpfeiler im Reinraum der Chip-Fab.

Südlich von hier, in Halle an der Saale soll in den nächsten Jahren das „Zukunftszentrums für Deutsche Einheit und Europäische Transformation“ entstehen. Vielleicht sollte dort eine Abteilung über die Spielarten des „Transformations-Eskapismus“ eingerichtet werden.

Mittwoch, 5. Juni 2024

# 055 Ja und Amen? Die Anhörung.

Beobachtungen beim: Öffentlichen Erörterungstermin der Einwendungen zum Genehmigungsverfahren für die erste Teilgenehmigung zur Intel-Ansiedlung am 29. Mai 2024 in Magdeburg.

So kompakt und nominal klang das in der Magdeburger Johannis-Kirche. Über die Veranstaltung haben im Nachgang viele regionale, überregionale sowie ausländische Medien, wie Volksstimme, MDR, Radio SAW, FAZ, dpa, Deutschlandfunk, Tagesschau, wallstreet ONLINE, Kronenzeitung etc,. berichtet. Widerhall fand sie auch in den online-Nachrichten der Börsen- und Finanzwelt. Das Narrativ von der „Schwarzerde“ macht seitdem bei LinkedIn-Usern die Runde. In den Artikeln und Berichten sind die fachlichen Details und die Vielfalt überschaubar, weil sie sich inhaltlich zumeist auf die gleiche dpa-Meldung beziehen. Für diejenigen, die sich schon länger und intensiver mit dem Thema beschäftigt haben oder aufmerksame Leser und Leserinnen dieses Blogs sind, gab es grundsätzlich und inhaltlich in der Veranstaltung nicht viel Neues. Einige Details während der Erörterungen waren allerdings interessante Ergänzungen. Ich möchte die atmosphärische Stimmung, das Setting und die aus meiner Sicht wichtigsten Punkte hier in den Mittelpunkt stellen. Wegen der Vielzahl der Personen verzichte ich auf die Nennung von Namen.

„Gottes Wort mit uns in Ewigkeit“ steht in goldenen Lettern am Denkmalsockel der Statue eines übergroßen Martin Luther. Die Johannis-Kirche im Rücken, in der Rechten die Bibel, die Linke auf dem Herzen, schaut er mit festem Blick auf das auf Rathaus gegenüber.

Der sonnige Maivormittag macht mir die Fahrrad-Anfahrt möglich, vorbei an dem Martin-Luther-Denkmal zu den noch reichlich vorhandenen freien Plätzen an den Fahrrad-Anlehnungsbügeln. Ich bin wohl schon im zu erwarteten Bürokraten-Sprech-Modus.

Halb zehn, noch Zeit, mich umzuschauen und mit mir bekannten Menschen der Presse, der Stadtverwaltung, von Intel, auch mit einigen Einwendern und Einwenderinnen (wie sie hier genannt werden) ins Gespräch zu kommen. Doch zuerst einen Platz im Zuschauerraum sichern. Allerdings verwehren mir zwei stämmige Security-Herren den Zutritt: Zuschauer, also keine Verfahrensbeteiligte (wie ihre Bezeichnung hier lautet) erhalten erst kurz vor dem offiziellen Beginn Einlass.

Abwarten, was passiert. So schaue ich mich weiter um, entdecke weiteres Sicherheitspersonal. Eine Frau von der Pressestelle des Landesverwaltungsamtes trägt die Pressevertreter in eine Liste ein. Sie spricht mich auch an und trägt meine Kontaktdaten und die Webseite ein. Sie möchte im Nachhinein gern lesen, erklärt sie, was wir so schreiben. Auf dem der Kirche schräg gegenüberliegenden Parkplatz, fast diskret von einer hohen Hecke verdeckt, ein Kleinbus der Polizei.

Das Landesverwaltungsamt will wohl auf Nummer sicher gehen. Erwartet man Störungen oder sind das mittlerweile leider übliche Sicherheitsvorkehrungen? Oder befürchtet man ‒ die Ereignisse bei Tesla in Grünheide im Hinterkopf ‒ ein Umschwenken von Teilen der Bevölkerung, weg von der bisherigen insgesamt eher braven Pro-Intel-Stimmung?

Reformation früher / Transformation heute? In einigen Wochen jährt sich zum fünfhundertsten Mal das spontane und flächendeckende Umschwenken fast der gesamten Magdeburger Bevölkerung und Kirchen vom katholischen zum evangelischen Glauben. In dieser St.-Johannis-Kirche hat Martin Luther am 24. Juni 1524 Klartext gepredigt. Der Beginn der Magdeburger Reformation. Steht am gleichen Platz hier heute ein wichtiger Schritt zur Transformation der Magdeburger Stadtgesellschaft bevor?

Mittlerweile lehnen sich viele Fahrräder an. Lässt das auf den Charakter der Zuschauer schließen? Aber ein Ansturm wie vor 500 Jahren – damals fasste das Kirchenschiff nicht die Zuhörer – ist hier nicht zu erkennen.

Einlass: Taschen und Rucksäcke müssen an der Garderobe abgeben werden, heißt es kurz vor zehn. Und: Bitte beachten Sie das Fotografier- und Filmverbot während der Veranstaltung. Etwas eingeschüchtert bin ich schon. Die hier präsentierten Fotos entstanden selbstverständlich legal vor und nach der Veranstaltung oder in der Pause.

Anspannung liegt in der Luft. Keiner weiß genau, wie das hier ausgehen wird. Zwischen entspannt-harmonisch und hektisch-kontrovers scheint alles möglich zu sein. Wer ist da? Ist jemand „auf Krawall gebürstet“?

Aus Gesprächen schnappe ich auf: Die Räumlichkeiten sind heute bis 21 Uhr reserviert, und wenn das nicht reicht, soll es morgen weitergehen. Gut, dass ich vorsorglich etwas zu trinken und Butterbrote eingepackt habe. Noch schnell zur Toilette im Kellergeschoss des modernen Kirchen-Anbaus im Bauhausstil. Dort erinnern die Reste einer Gruft an Otto von Guericke, den Innovator und Politiker des 17. Jahrhunderts, neben Kaiser Otto I. auch ein früher Influencer der „Otto-Stadt“ Magdeburg.

Das Setting und die Regie. Was sagt mir das gewählte „Setting“ des Veranstalters in der entweihten Kirche, die nach ihrer vierten Zerstörung im letzten Weltkrieg im Jahr 1999 auferstand aus einer Ruine als weltliches Veranstaltungs- und Konferenzzentrum?

Im erhöhten, ehemaligen Altarraum, zentral an einem Tisch, die schwarz-weißen Kirchenfenster im Rücken, drei „Hohepriester“ des Landesverwaltungsamtes. In der Mitte die Moderatorin und Leiterin, die souverän in die Veranstaltung einführt und noch ein beachtliches Textpensum absolvieren wird. Die beiden Herren links und rechts schweigen und werden nach meiner Beobachtung auch im Verlauf der offiziellen Veranstaltung kein Wort sagen. Alle stellen sich persönlich vor, nur die beiden lassen sich von der Moderatorin präsentieren. Sind sie „Back-ups“ oder Aufpasser?

Rechts, vom Zuschauerraum aus gesehen, auf gleicher Höhe, schräg aufgestellt eine Tischfront, dahinter noch zwei weitere Tischreihen mit insgesamt ca. 20 Vertretern der „Antragsstellerin“, also mit Personen von Intel oder mit von Intel beauftragten Personen. In der ersten Reihe links ein Rechtsanwalt, der sich als eloquenter Wortführer der Intel-Interessen herausstellen wird. Daneben in der ersten Reihe weitere Berater und Beraterinnen von Intel für spezielle Fachfragen. In der zweiten und dritten Reihe sind auch einige nur Englisch sprechende Mitarbeiter von Intel, die über Kopfhörer eine Simultanübersetzung hören können. Von der zweiten und dritten Intel-Reihe wird man im Verlauf der Veranstaltung nichts öffentlich hören, außer von der Geschäftsführerin der „Intel Magdeburg GmbH“, die auch in der hinteren Reihe ihren Platz hat. Sie eröffnet den Vortragsreigen zu Beginn mit einem „Goodwill speech“ als atmosphärischer Lockerungsübung, unterstützt durch repräsentative und gestylte PowerPoint-Folien auf dem Großbildschirm, der wie von unsichtbaren dünnen Fäden über dem Intel-Team in der Schwebe gehalten wird. Wir sind gekommen, um zu bleiben und wollen eine gute Nachbarschaft. Das ist der Kern ihrer Botschaft.

Links im Altarraum ‒ oder nennen wir ihn doch lieber Bühne? ‒ auch eine schräg aufgestellte Tischfassade und eine zweite Reihe dahinter, mit ca. 15 Plätzen für die Vertreter und Vertreterinnen der Unternehmen, die für die Infrastruktur des Projektes verantwortlich sind: SWM (Stadtwerke Magdeburg), HTP (High-Tech-Park-Sachsen-Anhalt), TWM (Trinkwasserversorgung Magdeburg), Gelsenwasser (Abwasserreinigung) und Stiftung Kulturlandschaft Sachsen-Anhalt.

Die drei, mit cremefarbenen Tischhussen repräsentativ ausgestatteten Tischfronten, präsentieren sich pompös und öffnen sich zum drei Stufen niedrigeren Zuschauerraum. Dort vorn zwei nackte Tischreihen (also ohne Hussen) für insgesamt ca. 30 Einwender und Einwenderinnen mit Blickrichtung auf die erhöhte Bühne. Nicht alle Plätze sind dort besetzt. Dahinter im ehemaligen Kirchenschiff die Stuhlreihen für die „Passagiere“, die bei den öffentlichen Erörterungen mitgenommen werden möchten. Rederecht haben sie nicht, wird von der Moderatorin klargestellt. Jeder der Plätze an den Tischen, oben wie unten, ist mit einem Mikrofon ausgestattet. Wie überhaupt alles Technische gut ausgestattet und im Ablauf gut organisiert ist.

Publikum. Ich habe den Eindruck, dass mehr Menschen an den Tischen auf und vor der Bühne sitzen als auf den Einzelsitzen im Zuschauerraum. Aber die Reihen füllen sich nach und nach weiter mit vielleicht 100 bis 120 Personen. Hier und da entdecke ich Kommunal- und Landespolitiker und Politikerinnen. Vor mir verfolgen die Wirtschaftsbeigeordnete und der Baubeigeordnete der Stadt Magdeburg interessiert die Vorträge von den Zuschauerrängen aus. Gefühlt bleiben ca. 200 Stühle im Zuschauerraum leer. Warum ist das Interesse nicht größer? Sollte für die Magdeburger und Magdeburgerinnen schon alles in trockenen Tüchern sein? Die Einwender und Einwenderinnen bekamen keine Extra-Einladung, da der heutige Termin mehrfach öffentlich in der Zeitung und im Amtsblatt ausgewiesen war. Andererseits ist ein Tagestermin, aus dem auch zwei Tage werden könnten, für die arbeitenden Menschen schwierig einzurichten. Ich freue mich über meine „privilegierte“ Situation, die mir die Teilnahme ermöglicht.

Wasser. Gleich zu Beginn geht es um die Wasserversorgung. Woher kommen die ca. sieben Millionen Kubikmeter Wasser pro Jahr? Die Intel-Vertreter können sich bezüglich der Wasserversorgungsproblematik formal zurücklehnen, da die Stadt Magdeburg in den Verhandlungen die Versorgung mit geeignetem (Trink)Wasser vertraglich garantiert hat. Der Rechtsanwalt und Intel-Redeführer weist auch darauf hin, dass deshalb die Frage, woher das Wasser kommt, nicht Gegenstand dieses Genehmigungsverfahrens ist. Das Verfahren ist im Übrigen (nur) eine Teilgenehmigung für den Bau der Anlage. Später (2025, 2030?) wird noch eine weitere (Teil)Genehmigung für den Betrieb der Anlage notwendig werden. Trotzdem wird von einem Vertreter der Gemeinde Burgstall – nördlich von Magdeburg gelegen – eine weitere extreme Absenkung des Grundwassers sehr befürchtet. Es wird in den Diskussionen deutlich, dass das in einem Video https://youtu.be/GssEFGhRjjk?si=-_xKEhiRputtsclS auf der Homepage der Stadt Magdeburg vorgestellte Konzept (kurz: Wasser aus der Elbe über den Mittellandkanal in die Ohre zur weiteren Versickerung als Grundwasser für das Wasserwerk in Colbitz leiten) noch nicht mit realen Planungen und Konzepten unterlegt ist, es somit fraglich ist, ob es auch funktioniert und in einem anderen Verfahren genehmigt werden muss.

Vom „pro Elbe e.V.“ wird gefordert, dass eine Wasserentnahme aus der Elbe nur beim Wasserstand oberhalb des mittleren Pegels erfolgen dürfe. Dass die Erhöhung der Fördermengen für die Versorgung von Intel dem Niveau um 1990 entspricht und die derzeitige geplante Entnahmemenge selbst bei niedrigem Elbpegel nur ca. 1% des Durchflusses entspricht, ist für die Einwenderin nicht überzeugend. Auch wenn die TWM auf ausreichende Wasserrechte aus „alten DDR-Zeiten“ verweist. Der Aspekt des seitdem fortgeschrittenen Klimawandels und die weiteren Wasserentnahmen durch neue Industrieanlagen entlang der Elbe bedeutet für die Einwender eine ungünstige Perspektive für die Elbe und Grundwasser. Die Wasserprobleme werden nicht kleiner. Aber, wie gesagt, strenggenommen ist das Thema „Wasser“ gar nicht Gegenstand dieses hier verhandelten Genehmigungsverfahren.

Abwasser. Ich bin nicht sicher, ob ich den Hinweis des Rechtsanwaltes und Intel-Redeführers richtig verstanden habe, dass auch das Thema Abwasser nicht Gegenstand der beantragten Genehmigung sei. Die Stadt Magdeburg oder die HTP-Sachsen-Anhalt bzw. die von ihr beauftragte Gelsenwasser-AG hat die Aufgabe, das Problem zu lösen, möglicherweise mit einem anderen Genehmigungsverfahren.

Übrigens: „Das ist nicht Gegenstand dieses Genehmigungsverfahrens!“ und „Das Thema ist bislang hinreichend erörtert und ich beziehe mich auf die bisherigen Stellungnahmen in diesem Verfahren!“, sind die vom Intel-Wortführer an diesem Tag gebetsmühlenartig gebrauchten Sätze. Aber dafür hatte er bei der Einführung schon um Nachsicht und Verständnis gebeten, weil formal-juristisch notwendig.

Trotzdem stellt einer der Einwender die Frage, ob die Vertreterin der Fa. Gelsenwasser, die auf die Trinkwasser-Qualität am Abfluss der zukünftigen Kläranlage hinwies, das Wasser auch selbst trinken würde. Darauf antwortet sie nicht. Es wird aber deutlich, dass das „Trink-Abwasser“ nicht die ausreichende Qualität haben wird, um es wieder dem Prozess der Reinstwasser-Aufbereitung für die Chip-Produktion zuzuführen. Schade, das wäre ein wünschenswertes Wasser-Abwasser-Wasser-Kreislauf gewesen. Die Frage der „pro Elbe e.V.“-Vertreterin nach PFAS, den so genannten Ewigkeitschemikalien im Abwasser, wird wie andere Fragen und Hinweise vom Landesverwaltungsamt im Rahmen der Genehmigungsprozedur zu Protokoll genommen und im weiteren Verfahren von der Genehmigungsbehörde bewertet.

Nun geht es in eine 30-minütige Mittagspause. Danach sind weniger Zuschauer zu sehen und auch einige Plätze bei den Einwendern nicht mehr besetzt. Die Mittagssonne lässt die vor einigen Jahren neu gestalteten Kirchenfenster im südlichen Seitenschiff der Johanniskirche intensiv und farbig aufflammen.

Boden. Ein ausführlich behandelter Diskussionspunkt ist der Bodenschutz. Die Vertreter vom BUND und von einer Vereinigung zum Bodenschutz tragen ihre Bedenken engagiert und fachkundig vor, sodass ich den sich entwickelnden Fachgesprächen zwischen Einwendern und Vertretern des HTPs sowie der Stiftung Kulturlandschaft kaum folgen kann. Aber es ist trotz unterschiedlicher Einschätzungen ein sachlicher und respektvoller Umgang, wie es anfangs und auch zwischenzeitlich von den Personen auf der Bühne gewünscht wurde. Beim Bodenabtrag gibt es anscheinend eine Aufgaben- und Verantwortungsteilung zwischen der HTP und Intel, sodass beide für eine Lösung in der Pflicht stehen. Es wird – ähnlich wie bei der Wasserfrage - deutlich, dass das bisher in den Genehmigungsunterlagen dargestellte sehr pauschale und einfache Konzept nicht greift und grundsätzliche Konzepte und Verfahren noch erarbeitet werden müssen.

Mich überrascht, dass in der ersten Ausbaustufe (mit zwei Chip-Fabs), entgegen vielen Befürchtungen nur ca. 15% der Fläche versiegelt werden sollen. Wie das bei insgesamt acht Chip-Fabs aussehen wird, ist nicht Gegenstand dieses Genehmigungsverfahrens. Ich bin erstaunt, wie komplex auch das Thema „Boden“ ist und wie viele Vorschriften und Gesetze beachtet werden müssen, bevor der Boden transformiert werden darf. Die Vertreter der HTP teilen mit, dass aktuell für über eine Million Kubikmeter Boden Abnehmer in Aussicht stehen.

Da am heutigen Tag in der „Volksstimme“ berichtet wird, dass der Baustart um ein weiteres Jahr, jetzt auf 2025 verschoben wird, ergibt sich auch hier Möglichkeit, dass die Konzepte und Planungen für die Entfernung der Schwarzerde nicht mehr mit der heißen Nadel gestrickt werden müssen.

Naturschutz. Intensiv wird die Diskussion noch einmal beim Arten- und Naturschutz, als es um die gefährdeten Feldhamster- und Feldlerchenpopulationen geht. Ich habe die Gelegenheit, auch zu diesem Thema einiges Neue zu lernen, auch die Wichtigkeit zu erkennen, und warum dieses Thema nicht belächelt werden darf. In einem FAZ-Artikel wird zwei Tage später unseriös getitelt werden, als ob versucht würde, mit acht Feldhamstern eine 30-Milliarden Investition zu verhindern. Im Gegenteil: Bei den Einwendern war von so einer Forderung überhaupt nicht die Rede.

Abschluss. Es ist nicht einmal 16 Uhr und alle Punkte sind schon abgehandelt. Die Versammlung löst sich nach vorsichtigem Beifall und Klopfen auf. Hier und da entstehen Grüppchen, die diskutieren. Einige Medienvertreter machen noch Filmaufnahmen, interviewen Vertreterinnen von Intel als auch Einwender. Es macht sich eine entspannte Erleichterung, ein Aufatmen bei fast allen Beteiligten breit, wie das abschließende, entlassende und entlastende Amen in der Kirche.

Eine Einwenderin ist nicht zufrieden und sagt mir, dass sie sehr genau in das Protokoll schauen und verfolgen wird, inwieweit ihre Einwendungen in dem weiteren Prozess Niederschlag finden werden. Also ist möglicherweise die letzte Messe noch nicht gesungen.

Mein Resümee. Ich habe schon öffentlichen Erörterungen zu städtischen Bebauungsplänen beigewohnt, bei denen es wesentlich lauter, hektischer und kontroverser zuging. Ich hätte es aber passender gefunden, wenn man eine Anordnung gefunden hätte, bei der auch die Einwender auf Augenhöhe gemeinsam mit den anderen Gruppen auf der Bühne positioniert gewesen wären. Das umso mehr, weil auch die Einwender so genannte Verfahrensbeteiligte sind, die Gruppe der „Infrastruktur“ formal nicht, wenn ich das richtig verstanden habe.

In dem gesetzten Veranstaltungsrahmen wurde themenbezogen vorstrukturiert, die Leitung der Veranstaltung war trotzdem flexibel und offen. Es wurde immer wieder nach Wortmeldungen von den Einwendern gefragt. Fast alle Einwender und Einwenderinnen gaben zu Protokoll, dass sie dem Projekt prinzipiell positiv gegenüberstehen und nicht das Ziel haben, es zu verhindern. Das trug insgesamt zur kooperativen Stimmung bei. Die Einwender und Einwenderinnen sollten weiterhin mit ihren Argumenten ernstgenommen werden, denn sie erwarten ein Überdenken von vielen bislang noch nicht ausgegorenen Details des Vorhabens. Auch seitens der beteiligten Planer wurde deutlich, dass durch die zeitliche Verschiebung des Baustartes die zusätzliche Zeit genutzt werden muss, die Wasser- und Boden-Konzepte zu konkretisieren. Letztlich wird es darauf ankommen, was die Genehmigungsbehörde, also das Landesverwaltungsamt Sachsen-Anhalt, der Antragsstellerin mit ins „Gebetbuch“ schreibt.

Da es sich bei dem Antrag um eine Teilgenehmigung handelt, werden weitere Genehmigungsverfahren im Kontext der Intel-Ansiedlung folgen. Hat aber der erste große Genehmigungsschritt erstmal den Segen, wird ein „Zurück“ immer schwieriger. Ist der „Point of no return“ schon erreicht? War das hier im Kirchenschiff die Kiellegung des großen Dampfers „Intel-Ansiedlung“ oder schon der Stapellauf?

Man wird abwarten müssen, ob die Einwände gegen das Genehmigungsverfahren letztlich zur Zufriedenheit der Einwender Eingang in die Umsetzung finden oder ob hier Anlässe für spätere gerichtliche Klärungen einen Ausgangspunkt haben. Ob die weitere Verzögerung des Baustartes ausschließlich an der noch ausstehenden „Formalie“ der Subventionsgenehmigung durch die EU liegt, wird sich erst bei tatsächlichem Baubeginn zeigen.  

Thema verfehlt? War das hier auch teilweise auch so? Ich bleibe verwirrt zurück, weil ich nach den   Aussagen der Veranstaltungsleiterin und des Intel-Vertreters nicht sicher bin, ob und welche der vorgebrachten Einwendungen überhaupt für die Teilgenehmigung relevant sind. Vielleicht beichtet mir der eine oder die andere, was tatsächlich relevant für das Verfahren war. Schließlich leben wir hier doch nicht in Kafkas Welten, auch wenn Kafka-Jahr ist.

Mein Fahrrad finde ich allein zwischen den Anlehnungsbügeln wieder und ich werfe beim Wegfahren noch einmal einen Blick auf die Luther-Statue. „Gottes Wort mit uns in Ewigkeit“, lese ich noch einmal. Besser ewig das Wort Gottes im Ohr als Ewigkeitschemikalien im Wasser, tröste ich mich.