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Montag, 23. Dezember 2024

# 078 Trost - im Dezember 2024

Trost suchen - Trost finden - Trost geben

Notiz am Tag nach dem 20. Dezember 2024 – dem Tag des Anschlags auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt:

Magdeburg, geschundene Stadt.

Jeder hat seine Art, mit diesem Geschehen umzugehen. Heute, im Edeka-Markt, kam es mir vor, als wenn alle Menschen einen Tick langsamer wären als sonst, beim Gehen, an der Kasse, im Kopf, die Gesichter ernster, kurze Blickwechsel zeigen mir, dass wir wissen, was den anderen gerade beschäftigt, welche Gedanken sich hinter seiner, ihrer und meiner Stirn stauen. Vielleicht ist die eine oder andere Ausgleichsmöglichkeit für den inneren Druck angebracht, allein oder auch gemeinsam, z. B. zum Dom zur Gedenkveranstaltung zu gehen, im Gespräch, im Austausch, ohne das Unfassbare verstehen zu können, ohne gleich in Aktionismus verfallen zu müssen.

Skulptur vor der Magdeburger Johanniskirche „Mutter und Kind", 1982 von Heinrich Apel (1935 - 2020) - Foto von der Webseite der Stadt Magdeburg 

Zurück vom Einkauf, flüchte ich wieder, ohne Handy, vor den Nachrichten, suche eine offene Tür, Gespräche mit Menschen über das, was uns auch in den Körpern steckt. Die offene Tür ist die der Freien Evangelischen Gemeinde am Hassel. Ich laufe vorbei, zweimal, dreimal, wage mich nicht näher heran, ich bin ja kein Kirchgänger, verschwinde um die Ecke in die Nebenstraße. Ich schaue zurück, mir winkt jemand zu, ruft etwas. Eine Frau: Sie hätte mich von drinnen am Hut erkannt. Es ist die Frau des Pastors, sie lotst mich in den Raum, zu den anderen. Ich glaube, sie hat mir nicht abgenommen, dass ich „rein zufällig“ vorbeikam. Gefreut haben wir uns beide. Ich komme mit den mir meist fremden Menschen ins Gespräch. Anders als in den Medien, tun hier die Wiederholungen und Erklärungsversuche des Unfassbaren nicht mehr so weh.

Am nächsten Morgen, 4. Advent,

stelle ich fest, dass ich am Tag zuvor mir neben der seelischen auch eine körperliche Erleichterung verschafft habe. Ich vermisse meinen Rucksack. Meinen Rucksack vergessen, eine schöne Metapher, denke ich. Ich muss noch einmal in den Kirchenraum zurück. „Dir geht es nicht gut, oder?“, fragt eine Frau: „Mir? Doch, doch, es geht schon wieder.“ Mit geschultertem Rucksack, den Hut auf dem Kopf und eingehakt bei einem lieben Menschen, kann ich nach Hause gehen.

Samstag, 21. Dezember 2024

# 077 Tradition und Transformation in der Magdeburger Börde – Flashback

Transformation ist in der Magdeburger Börde seit der geplanten Intel-Ansiedlung nichts Neues. Die Agrarlandschaft wirkte auch früher industrialisiert, etwa durch Ziegeleien, Zuckerfabriken, Eisenbahnen, Feldbahnen, Maschinenbau, Saatzuchtbetriebe.

Der Schriftsteller Albrecht Franke beschreibt in seinem Hörspiel „Remkersleber Vorbeimarsch“ Aspekte der Transformationsbewegungen in dem zur Gemeinde Wanzleben gehörenden Bördedorf. Heute ist Remkersleben ein Teil von Wanzleben und befindet sich so in der Nachbarschaft des gerade entstehenden High-Tech-Parks, im direkten Umfeld des Intel-Ansiedlungsgeländes.

Dass man das Thema Transformation als einen weit ausgreifenden gesellschaftlichen Prozess begreifen muss, also nicht nur im unmittelbaren Kontext mit der Industrialisierung, sondern dass sich durch Politik, Religion, Wirtschaft die Gesellschaft insgesamt bis in familiäre Strukturen hinein, verändert, wird in Albrecht Frankes Hörspiel deutlich.

Wir hören und sehen Aspekte dieser Transformationen in Remkersleben in den letzten 150 Jahren: Die Einflüsse fünf verschiedener politischer Systeme, die Wandlung der Bedeutung der Technik und Religion, die wechselnden hierarchischen Strukturen in der Börde, bis hin zur Veränderung der Einstellung zum Militarismus und dem Verschwinden des Bördeplatts, werden hier, angelehnt an eine authentische Familiengeschichte, deutlich. Aber keinesfalls verklärend und romantisierend, wie in manchen Remkersleber Erinnerungen des in dem Hörspiel zitierten Schriftstellers Franz Herwig (1880 – 1931).

Das Hörspiel ist eine Art Flashback des Autors mit Assoziationen, eigenen Erinnerungen und Zitaten aus Recherchen über die letzten 150 Jahre in Remkersleben.

Details und Uraufführung:

Weitere Details zu dem Hörspiel und eine Hörprobe sind auf Youtube unter https://youtu.be/jBQ5OstNv5U zu finden.

Die Uraufführung des Hörspiels im Beisein des Autors und des Produktionsteams wird am 24. Januar 2025 ab 18 Uhr im Remkersleber Bürgerhaus (Hauptstr. 17, 39164 Wanzleben-Börde Ortsteil Remkersleben) stattfinden.

Dienstag, 5. November 2024

# 074 Stammtisch der Transformierten - November 2024

Vorab zur Erklärung der unterschiedlichen Farben und Schreibweisen:

  •   Protokoll durch KI-System erstellt

KI mischt sich ein (rot)                                         

Frei gesprochener Text von Prof (blau, kursiv)

(Wir befinden uns am Anfang einer Versammlung)

„Hallo, ich bitte um etwas Ruhe!“ Mein Name ist Professor B.

Bei unserem letzten Treffen wurde ich angesprochen, ob ich ein Protokoll erstellen könnte. Das war gar nicht so einfach. Aber dank unseres Transformationschronisten HKvB, der mit einem Aufnahmegerät dabei war, konnte ich seine Tondatei, auch mit seinen Kommentaren, mithilfe der KI transkribieren und automatisch in ein Protokoll umsetzen. Da heute viele neue Teilnehmer dabei sind, die beim letzten Mal nicht oder erst später gekommen waren, bin ich von meinen Stammtischbrüdern und -Schwestern gebeten worden, das Protokoll zu Beginn unseres heutigen Treffens allen zur Kenntnis zu bringen. Es ist ja doch einiges passiert –an dem Abend.

Wenn der Ausdruck manchmal etwas seltsam ist, so liegt das an der Künstlichen Intelligenz, die vielleicht nicht alles richtig verstanden hat oder manches noch lernen muss.

Ich zitiere also die KI „Check-d-H“, Version 2.0.24. Ob die KI mit „inside Intel“ oder mit „NVIDEA transform power“ arbeitete, ist mir nicht bekannt.

  • Protokoll Transformationsstammtisch, 21. Oktober 2024
  • Ort: M2“ am Magdeburger Hasselbachplatz
  • Beginn:: 20:12 Uhr
  • Anwesenheitsliste (Link = zur Geschichte der Kunstfigur im Blog)
  • Hermann, Alt-Ingenieur im Ruhestand, temporär abwesend (Link),
  • Kalle, Betreiber eines Antiquitäten- und Raritätenladens (Link),
  • Professor B., Dozent im Bereich VR,  Prof im Folgenden (Link),
„Also, das ist meine Wenigkeit. Aber jetzt weiter im Protokoll:“

  • Edlef, Hoteldirektor, Direktor im Folgenden (Link),
  • Dr. Dr. Liane Müller-Utsch, Stadtplanerin), nur Liane im Folgenden (Link),
  • Václav Versicherungsdirektor aus Prag (Link),
  • Frau Dr. Louisa Salomone, Psychologin, kurz Lo im Folgenden (Link),
  • Herbert Karl von Beesten, Transformationschronist, hier HKvB.
  •  Die wichtigsten Ergebnisse des Abends in Kurzform:
  • Tonaufnahme mit „Test, Test, Test“ von HKvB, gestartet um 19:45 Uhr.
  • Hermann trifft als Erster ein (15 Minuten vor offiziellem Beginn). Nimmt in der Mitte am reservierten Sechserstammtisch Platz. Bestellt heißes Wasser für seinen mitgebrachten Alnus-Tee.
  • Kalle kommt als Nächster. Setzt sich Hermann gegenüber.
  • Begrüßung. Hermann zu Kalle: „Na, du altes Schlachtross“. Er darf so etwas sagen.
  • Bedienung bringt Kalle einen schweren Rotwein in einem opulenten Bleikristallpokal.
  • Sein Ritual: Er befeuchtet seine Lippen ausgiebig mit der Zunge, nimmt den ersten Schluck fast steif und preußisch. Erwähnt, dass der Kelch  aus der Biedermeierzeit stammt und ein Geschenk an Markus, den Wirt, war.
  • Kalle lobt den gut gekühlten Wein und versucht, Hermann ins Gespräch zu ziehen:  Und sonst so?“
  • Prof und Direktor kommen herein, nehmen ihre Plätze neben Kalle und Hermann ein.
  • Begrüßung durch Prof und gegenseitige Sticheleien über Verspätungen und die neue Duz-Regelung am Stammtisch.
  • Hermann erklärt, dass Liane vom Bahnhof Václav abholt und dass deren Verspätung mit den Straßenbahnstellen Straßenbahnbaustellen zu tun hat.
  • Prof und Direktor sind stolz auf die Unabhängigkeit von der Straßenbahn, sie sind SUV-Fahrer.
  • Prof und Direktor diskutieren über den Fort- beziehungsweise Rückschritt des Intel-Projekts, Kalle bleibt skeptisch. Murmelt etwas Unverständliches.
  • Stimmung wird ruhig, alle nippen an ihren Getränken.
  • Hermann antwortet Kalle: „Geht so.“
  • Liane und Václav kommen an und werden von Prof und Direktor begrüßt.
  • Václav erzählt von seinem Aufenthalt in Graal-Müritz an der Ostsee auf den Spuren von Kafka und seinen Ideen zu Ausstellungen und Veranstaltungen dort. Direktor geht begeistert darauf ein.
  • Kalle zu beiden: „Kommt doch erst mal an! Transformation heißt für euch wohl nur Geschäft!“
  • Liane versucht, die hitzigen Gemüter zu beruhigen, erinnert an den neuen Gast, die Psychologin.
  • Direktor zweifelt an der Notwendigkeit der Anwesenheit einer Psychologin.
  • Hermann erinnert ihn daran, dass diese Entscheidung beim letzten Stammtisch getroffen wurde. Direktor war nicht anwesend.
  • Kalle bestellt einen Wodka, Direktor einen Whiskey on the rocks, Liane einen Manhattan, Václav einen Becherovka.
  • Liane holt Lo, die Psychologin an den Tisch, die fünf stehen auf und begrüßen sie.
  • Lo versucht, die steife Atmosphäre durch freundliche Floskeln zu lockern, bestellt einen Cappuccino, Hermann bestellt noch einmal heißes Wasser.
  • Liane schlägt eine Vorstellungsrunde vor. Zögerndes Nicken der fünf Männer am Tisch.
  • Kalle flüstert etwas leise über den Tisch (KI: Tonqualität für das Protokoll nicht ausreichend, aber irgendetwas über Psychologie). Lo reagiert mit einem lockeren Spruch: „Ja, ja, wenn Männer etwas von sich erzählen müssen, befürchten sie gleich einen Seelen-Striptease.“ (KI: Dies könnte jemanden verletzen. Stattdessen schlage ich vor: Geht ein Luftballon zum Psychologen: Ich fühle mich so aufgebläht und dann die ständige Platzangst.)
  • Liane lenkt die Diskussion zurück zur Vorstellungsrunde. Beginnt mit ihrer Vorstellung als Stadtplanerin. Sie mag Hochhäuser und hofft, dass Intel kommt. Oder eine andere sehr große industrielle Ansiedlung.
  • Kalle sagt etwas Unverständliches (KI: Achtung! Es folgt eine phonetische Nachbildung: „Na weeste, ick globe det erst, wennet würklich losjeht.“ Bedeutung unbekannt).
  • Liane setzt fort und betont die Bedeutung der „Lufthoheit“ für die richtige Transformation über dem Stammtisch.
  • Direktor unterbricht Liane, der wird von Hermann gestoppt. Er ist an der Reihe und stellt sich vor, spricht über den ehemaligen SKET-Ingenieursstammtisch.
  • Kalle interveniert, bietet der Runde geschäftstüchtig Wimpel des früheren SKET-Stammtisches an. Hermann protestiert dagegen laut und wütend, verschüttet dabei seinen Tee, geht verärgert zur Toilette (22:06 Uhr).
  • Prof stellt sich vor, hebt die Bedeutung der Lehre im Bereich Virtual Reality hervor und erklärt seine enttäuschten Erwartungen an die Jugend.
  • Václav unterstützt Prof in seiner kritischen Haltung, Kalle bleibt skeptisch.
  • Diskussion über Ideale, Verantwortung und Träume der Jugend. Prof sinniert über den Sinn der Technologie und KI, über seine Suche nach Sinn und Ziel in seinem Leben. Er fragt: „Waren meine idealistischen Vorstellungen ein Traum?“ (Anmerkung der KI: Typisch, den Sinn von KI anzweifeln, aber sie selbst intensiv nutzen. Fakt: Prof initiierte allein bei mir in den letzten 7 Tagen 231 Prompts.)
  • Václav kommentiert mit einem Hinweis auf Calderón de Barcas „Das Leben ein Traum“ aus dem 17. Jahrhundert. Prof lobt ihn, dafür, dass er sich nicht nur mit Kafka auskennt.
  • Liane versucht, die Diskussion in die Gegenwart zu lenken, betont die Verantwortung und Sinnsuche hier und jetzt.
  • Hermann kehrt zurück (21:12 Uhr), bemerkt, dass niemand den verschütteten Tee  weggewischt hat.
  • Hermann schimpft und erklärt, dass sein spezieller Tee Alnus cordata das Holzwachstum des Tisches wiederbelebt und dann beschleunigt.
  • Alle beobachten den Tisch genau; Liane entdeckt, dass die Gläser schief stehen.
  • Der Tisch wächst an der Seite, an der der Tee auf das Holz tropfte wurde, also wo Liane, Hermann und Prof sitzen. Geschirr und Gläser fallen zu Boden.
  • Kalle: Er hat schon gehört, dass Hermanns Tee bei einem Straßenbaum ein Riesenwachstum erzeugt haben soll, aber hat das damals nicht geglaubt. (KI: Achtung: Es folgt unverständlicher Satz, der etwa lautet: „Jetzt globe ick det, weilet würklich losjeht.“ Bedeutung unbekannt.)
  • Direktor, Kalle und Václav sind in Schockstarre, verfolgen angespannt das Wachstum der anderen Seite des Tisches.
  • Gäste des M2 bringen sich in Sicherheit, Kalle lacht laut. (KI: Achtung, phonetisch nachempfunden: „Weilet würklich losjeht!“ Bedeutung nicht vollständig erkannt)
  • Lo, auf Abstand zum Tisch gegangen, stellt fest, dass ihr ursprünglicher Plan zur Analyse der verschiedenen Meinungen am Tisch zur Transformation nicht mehr umsetzbar ist.
  • Einseitiges Wachstum des Tisches kommt zum Stillstand. Tisch ist schief, aber stabil.
  • Gäste nähern sich vorsichtig, Handyfotos werden gemacht.
  • Lo moderiert die Diskussion weiter, andere Kneipenbesucher mischen sich ein.
  • Lo fasst das Ergebnis mit zwei Vorschlägen zur Abstimmung zusammen:
    • A: Die andere Tischseite auch mit Alnus-Tee so benetzen, dass der Tisch wieder gerade wächst, und höhere Stühle besorgen. In der bisherigen Siebenerrunde weitermachen.
    • B: Den schief-schrägen Tisch dem Wewerka-Archiv vermachen, einen neuen, runden Stammtisch aus Kunststoff beschaffen und für eine größere und offene Gruppe anbieten.
  • Abstimmungsergebnis: 2 Stimmen Plan A, 4 Stimmen Plan B, eine Enthaltung. Damit ist Plan B angenommen.
  • Kalle bleibt skeptisch und wieder undeutlich (KI: Chacka! Bedeutung erkannt! „Ick globe det erst, wenn‘et würklich losjeht.“, bedeutet hochdeutsch: „Ich glaube es erst, wenn es wirklich losgeht!)
  • Hermann fordert Kalle auf, nicht nur Sprüche zu klopfen, sondern selbst aktiv zu werden.
  • Liane verkündet: „Das nächste Treffen des Transformationsstammtischs wird in zwei Wochen im M2 stattfinden und neue Transformationsperspektiven eröffnen.“
  • Ende um fünf vor zwölf. Der Abend klingt in gemütlicher Runde ohne Protokoll aus.
KI: Die richtige Zuschreibung der Geschehnisse und Aussagen zu den                handelnden Personen kann nicht mit absoluter Sicherheit garantiert werden.

    Soweit mein Protokoll.

KI: Ha ha … Prof … schon mal etwas von fremdem Federschmuck gehört? Wenn du mehr darüber wissen möchtest, frag mich gern danach!


Aber nun im Ernst: Sind Sie zufrieden mit dem Ergebnis? Ich freue mich, wenn ich Ihnen helfen konnte. Soll ich noch ein weiteres Protokoll erstellen?

Mittwoch, 25. September 2024

# 068 Der Intel-Blues – Eine Stadt auf der Couch

Nach den Schlagzeilen ab Mitte September 2024 braucht eine Stadt wie Magdeburg durchaus psychologische Betreuung:

Volksstimme: Intel macht sich vorerst vom Acker
Bild: Chip-Flop ‒ Intel stoppt Bau von Mega-Fabrik in Magdeburg
MDR: Halbleiterwerk ‒ Intel verschiebt Bau von Chipfabrik in Magdeburg
Handelsblatt: Halb leider - Intel verschiebt Magdeburger Chipfabrik
Süddeutsche: Chipfabrik ‒ Intel stößt Bundesregierung vor den Kopf
ZDF: Werk in Magdeburg  Intel legt Bau von Chipfabrik auf Eis 
Spiegel: Krise bei US-Konzern ‒ Intel verschiebt Bau von Chipfabrik
Zeit: Auch beim Chiphersteller gilt „America first"
Manager Magazin: Kahlschlag und Baustopp ‒ Der Intel-Schock für Magdeburg
Heise.de: Intel pausiert Chipfabrik in Magdeburg ‒ Intel hält den Geldsack zu
Golem.de: Intel in Magdeburg ‒ Lieber ein Ende mit Schrecken als ...
Finanzmarktwelt.de: Intel-Aktie hebt ab ‒ Intel setzt Magdeburg-Werk aus
Volksstimme: Chip-Großprojekt auf Eis gelegt ‒ Intel stoppt Mega-Fabrik 
Berliner-Zeitung: Intel zieht überraschend die Reißleine
Finanzen.net: Intel-Aktie springt hoch ‒ Intel legt den Bau auf Eis
TAZ: Intel stoppt Chipfabrik ‒ Erstmal keine Chips aus Magdeburg

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Therapiesitzung: Eine Stadt auf der Couch

(Beachten Sie auch unten im Text die Einladung zur „Intel-Blues-Selbsthilfegruppe")

Psychologin: Guten Tag, Frau Magdeburg. Schön, dass Sie gekommen sind. Wollten Sie nicht auch mit dem Kollegen, dem Herrn Sachsen-Anhalt kommen?

Magdeburg: Ja, das war so geplant, aber es gab eine kurzfristige Absage. Man war wohl verdrängt.

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Psychologin: Verdrängt?

Magdeburg: Sorry. Ich meinte verhindert. Das war ein Freud‘scher Versprecher von mir.

Psychologin: Meine Patientencouch ist leider zu klein für Sie. Ich habe schon etwas umgeräumt. Legen Sie sich doch auf dem Teppich. Entspannen Sie sich. Kommen Sie zur Ruhe und schließen Sie die Augen.

Wie fühlen Sie sich heute?

Magdeburg: Ach, schwer zu sagen. Ich habe so viele Hoffnungen und Träume gehabt, aber jetzt fühle ich mich enttäuscht und unsicher. Am 17. September bin ich in ein tiefes Loch gefallen.

Psychologin: Das klingt sehr belastend. Möchten Sie mir mehr darüber erzählen, was passiert ist?

Magdeburg: Ja, es geht um die geplante Ansiedlung des Intel-Konzerns. Es sollte ein großer Schritt für mich sein, ein wirtschaftlicher Aufschwung. Meine Politiker und Wirtschaftsleute waren begeistert, aber jetzt wurde das Projekt verschoben, und vielleicht kommt es gar nicht mehr zustande.

Psychologin: Das muss ein großer Schock für Sie gewesen sein. Wie hat sich denn Ihre Bevölkerung grundsätzlich zum Projekt gestellt?

Magdeburg: Die Reaktionen waren gemischt. Einige freuten sich über die Aussicht auf neue Arbeitsplätze und auf wirtschaftliches Wachstum. Andere hatten Bedenken wegen der teureren Wohnungen, der Wasserversorgung und wegen des Bördebodens. Jetzt sind viele enttäuscht und besorgt um die Zukunft. Andere sind froh, dass erst mal alles so bleibt.

Psychologin: Das klingt, als ob Sie zwischen Hoffnung und Sorge hin- und hergerissen wären. Haben Sie das Gefühl, dass diese Unsicherheit Ihr Identitäts- und Ihr Selbstwertgefühl beeinflusst?

Depression

Magdeburg: Ja, unbedingt. Ich habe schon so viele Rückschläge in meiner Geschichte erlitten, und jedes Mal hoffe ich, dass es besser wird. Aber diese ständigen Enttäuschungen machen es schwer, optimistisch zu bleiben.

Psychologin: Es ist verständlich, dass Sie sich so fühlen. Doch es ist wichtig, diese Gefühle anzuerkennen und zu verarbeiten. Gibt es etwas, das Ihnen in der Vergangenheit geholfen hat, mit solchen Rückschlägen umzugehen?

Magdeburg: Ich denke, die Gemeinschaft der Menschen, die hier leben, hat mir immer wieder Kraft gegeben. Ich habe eine starke Geschichte des Wiederaufbaus und der Resilienz.

Psychologin: Was fällt Ihnen dazu aus der jüngeren Vergangenheit als Beispiel ein?

Magdeburg: Na ja, von der Wende habe ich mich immer noch nicht ganz erholt, die wirkte wie ein Aderlass. Aber das letzte Hochwasser, 2013, das hat gezeigt, was mich zusammenhält.

Psychologin: Das ist sehr positiv. Vielleicht können Sie sich auf diese Stärke und Gemeinschaft besinnen, um auch die neue Herausforderung zu meistern. Es könnte auch hilfreich sein, sich auf kleinere, erreichbare Ziele zu konzentrieren, um wieder ein Gefühl der Kontrolle und des Fortschritts zu gewinnen.

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Magdeburg: Das klingt alles schön und gut, aber es ist nicht so einfach. Kleine Ziele? Was sollen die schon bewirken, wenn ein riesiges Projekt, wie das von Intel, scheitert? Wer nimmt mich denn jetzt noch ernst?

Psychologin: Ich verstehe Ihre Frustration. Manchmal können unkonventionelle Ansätze helfen. Zum Beispiel: Besinnen Sie sich auf Ihre kulturellen und historischen Stärken, und benutzen Sie diese als Grundlage für neue Projekte.

Magdeburg: Kulturelle Stärken? Historische Stärken? Das klingt nach dem Tropfen auf den heißen Stein. Oder nach Hochglanzprospekt und Jubelprosa: Immer schön positiv denken, dann klappt es schon.

Denkste! Ich brauche konkrete wirtschaftliche Lösungen, nicht nostalgische Rückblicke.

Psychologin: Das ist ein berechtigter Einwand. Aber denken Sie daran, dass wirtschaftlicher Erfolg oft auf einer starken kulturellen und sozialen Basis beruht. Vielleicht könnten Sie innovative Startups und kleine Unternehmen fördern, die von Ihrer einzigartigen Geschichte und Kultur inspiriert sind.

Magdeburg: Startups? Kleine Unternehmen? Einzigartige Geschichte? Damals hat schon die Ansiedlung von Porsche nicht geklappt, ich bin erst mal ein gebranntes Kind, was große Ansiedlungen betrifft. Ein Leuchtturmprojekt ist mir nun abgesoffen. Das klingt alles sehr vage, was Sie vorschlagen. Ich brauche etwas Greifbares, etwas, das wirklich einen Unterschied, eine Veränderung ausmacht.

Psychologin: Träumen Sie manchmal Derartiges? Von Veränderungen, Transformationen? Also nicht idealistisch am Tag, sondern tatsächlich in der Nacht, im Schlaf?

Träume

Magdeburg: Ja, schlafen, einfach mal nur ein paar Nächte durchschlafen, anstatt immer wieder diese Träume zu erleben.

Psychologin: Erzählen Sie, was fällt ihnen dazu ein?

Magdeburg: Ich war im SKET. Nein, ich war SKET, war komplett aus Edelstahl, der nie rostet, und es ging mir sehr gut. Das war im Traum so, als wäre es gestern gewesen. SKET hatte die Wende doch sehr gut überstanden, und ich wuchs und wuchs. Wir bauten die modernsten und besten Großbagger für den Silizium-, Lithium- und Kobaltabbau. Wir waren konkurrenzlos und weltweit Monopolist. Und plötzlich …

Psychologin: … und plötzlich? Wie ging der Traum weiter?

Magdeburg:  Da wollte ein anderer Industriebetrieb Raum in mir beanspruchen. Aus einer ganz anderen Branche. Ich verlor viele Angestellte, die Besten. Ich musste in mir Platz machen für andere. Aber etwas sperrte sich in mir, obwohl es mir ja eigentlich egal sein sollte, Hauptsache, mir ging es wirtschaftlich gut, egal, durch welchen Platzhirsch. Ich hatte Schmerzen im Brustkorb, als wenn es mich zerreißen würde.

Psychologin: Hatten Sie Angst?

Magdeburg: Ja, fürchterliche Angst. Ich musste bitterlich weinen, auch als ich wach wurde. Hatte eine große Trauer in mir. Ihnen kann ich es ja sagen. Aber das bleibt unter uns, oder?

Psychologin: Selbstverständlich. Wovor hatten Sie Angst?

Magdeburg: Ich weiß nicht. Als SKET ging es mir gut, ich liebte mich. Aber da war etwas Neues in mir, das ich nicht kannte, mir fremd blieb. Ich konnte diesen Teil nicht in mich aufnehmen.

Psychologin: Was war denn das „Neue“?

Magdeburg: Das war ja das Absurde. Die fertigten Spezialtextilien, aus denen Segel für moderne Segelschiffe produziert wurden. Das passte gar nicht in meine Welt. Segelschiffe! Was man sich so alles so zusammenträumt.

Psychologin: Warum hat Ihnen das Angst gemacht?

Magdeburg: Weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass so etwas funktioniert. Weil es keine modernen Segelschiffe als Frachtschiffe oder als Kreuzfahrtschiffe gibt. Ich hatte doch schon die beste SKET-Technik. Aber die Neuen machten so viel Werbung, segelten damit auf allen Kanälen mit dem Spruch von Saint-Exupéry: „Wenn du ein Schiff bauen willst, beginne nicht damit, Holz zusammenzusuchen, Bretter zu schneiden und die Arbeit zu verteilen, sondern erwecke in den Herzen der Menschen die Sehnsucht nach dem großen und schönen Meer.“ Die neue Firma wuchs und wuchs. In mir, mit mir, und auch außerhalb von mir, so dass ich große Beulen davon bekam.

Psychologin: Ich verstehe, das hätte mir auch Angst gemacht.

KI-Traummaschine nach Image Creator in Bing

Magdeburg: Es kam noch schlimmer: Die konnten aus ihren Stoffen große Maschinen formen, und wenn sie die Stoffe mit einer speziellen Flüssigkeit tränkten, wurde der Stoff fester als Stahl, war aber leicht, wie Stoffe eben sind. Und dann haben sie aus ihren Stoffen auch große Maschinen gebaut. Die konnte man zusammenfalten, einfach transportieren und wieder auseinanderfalten! Da stand ich als SKET schön blöd da.

Psychologin: Wofür könnte Ihr Traum stehen?

Magdeburg: Sie sind doch die Psychologin, ich bin nur eine geschundene ostdeutsche Großstadt, die von alten Zeiten träumt.

Psychologin: Ihr Traum enthielt aber auch ein Stück Zukunft.

Magdeburg: Meinen Sie?

Psychologin: Wie wäre es, wenn Sie sich auf die nachhaltige Entwicklung von neuen Technologien konzentrieren? Es muss ja nicht gleich dieser innovative Super-Konstruktionsstoff aus Ihrem Traum sein. Aber diese Bereiche haben großes Potenzial. Man kann neben der SKET-Seele auch noch andere Seelen in sich zulassen, ohne dass es gleich weh tun muss.

Magdeburg: Nachhaltige Entwicklung. Das klingt schon besser, aber wie soll ich das allein schaffen? Ich brauche Unterstützung von außen, auch Investitionen und klare Strategien, erst recht für unkonventionelle Ansätze. Sorry, nach den Erfahrungen mit Intel habe ich richtig Schiss davor, wieder etwas Neues anzufangen.

 

Selbsthilfe

Psychologin: Natürlich, das Risiko bleibt. Transformation kann auch weh tun. Aber Sie, Frau Magdeburg, sind doch kein Schisshase, oder? Es ist wichtig, dass Sie die Unterstützung suchen und einfordern, von allen Ihren städtischen Gliedmaßen, dass Sie aber diesmal auch alle mitnehmen. Vielleicht könnten Sie neue und andere Partnerschaften eingehen. Darauf könnte dann exklusiv „Made in Magdeburg“ stehen.

Magdeburg: Das klingt nach einem Ansatz, den ich verfolgen könnte. Aber es bleibt die Frage, ob die Menschen in mir bereit sind, diesen Weg mitzugehen. Ich habe das Gefühl, dass letztlich viele Teile von mir zwar meckern, wenn es nicht vorangeht, aber am Ende nicht böse sind, dass doch vieles bleibt, wie es ist.

Psychologin: Es wird sicherlich nicht einfach, aber mit klarer Kommunikation und Einbindung der Gemeinschaft könnten Sie die Menschen überzeugen. Es ist wichtig, dass alle an einem Strang ziehen.

Magdeburg: Ja, das stimmt wohl. Wie beim Hochwasser 2013. Ich werde darüber nachdenken und versuchen, einen Plan zu entwickeln. Danke für Ihre unkonventionellen Vorschläge. Vielleicht können wir unsere Therapie als Coaching fortsetzen?

Aufruf zum "Selbsthilfegruppentreffen" am 7.10.2024

Psychologin: Gern. Denken Sie daran, dass Sie nicht allein sind und dass es Wege gibt, die Mut verlangen, um aus schwierigen Situationen herauszukommen. Sie heißen ja nicht „Bangeburg“. Für ein Transformationscoaching bin ich immer zu erreichen. Aber verlassen Sie sich nicht nur auf andere. Machen Sie selbst etwas.

Magdeburg: Ich könnte eine Demo veranstalten: „Intel muss kommen!“ Damit die auch sehen, dass ich das doch unbedingt will.

Psychologin: Kann man machen, aber denken Sie auch an die Ihre Psyche. Nach meiner Diagnose haben Sie eindeutig den „Intel-Blues“. Gründen Sie eine Selbsthilfegruppe, vielleicht mit Frau Halle zusammen, die hat ein ähnliches Problem mit dem Zukunftszentrum. Dann sind Sie schon zu zweit. Auch die KI bietet neuerdings erstaunlich gute Selbsthilfeunterstützungen.

Ich mache mir Sorgen, wie sicher mein Job noch ist.

Magdeburg: Möchten Sie mir mehr darüber erzählen?

Psychologin: Nein, möchte ich nicht.

Magdeburg: Gut, dann quäle ich Sie jetzt auch nicht noch mit QUALCOMM.

Psychologin: Das ist freundlich von Ihnen.

Samstag, 11. Mai 2024

# 051 b „K wie Karambolage“ - Ein VR-Movie - (gekürzte Lese-Fassung)

Ich hatte mich gleich bereit erklärt, den Ortstermin wahrzunehmen. Es passte in meinen Plan, von Prag aus auf seinen Spuren zu wandeln und seine Reisen nachzuvollziehen. Magdeburg lag schon auf halber Strecke zur Insel Norderney, aber das behielt ich für mich. Dorthin hatte K. als junger Mann allein seine erste Reise unternommen. War er auch über Magdeburg gefahren, um sich dort über Fragen der Arbeitssicherheit zu informieren? Magdeburg war damals neben Böhmen ein wichtiges Industriezentrum.

Seit einiger Zeit mehrten sich die Anfragen von meinen tschechischen Landsleuten, ob unsere Versicherungs-Policen auch gelten, wenn man auf dieser Baustelle in Deutschland arbeiten und in Magdeburg leben würde. Dort sollte etwas Neues entstehen: Riesige Giga-Chip-Fabs.

„Wir müssen uns den neuen Technologien stellen, Umfeld und Risiken ausleuchten und vor allem die Rolle der KI begreifen“, verkündigte ich den Herren Direktoren. Denen gefiel das: „Da müssen jetzt die jungen Leute ran, das ist die Zukunft, also los!“, hieß es.

Jung war ich. Ich sprach auch Deutsch. Die Herren waren so gut gelaunt, dass ich ein paar Urlaubstage anhängen durfte. Beim Umstieg in Dresden kaufte ich die aktuelle „Süddeutsche“ und das „Handelsblatt“. Für meine Recherchen hatte ich auf meinem Notebook den Abo-Zugang zur „Magdeburger Volksstimme“, die ich im  ICE nach Leipzig durchforstete, Stichwort „Intel“.

Für den Zwischenstopp in Leipzig, der Stadt der Bücher, wollte ich mir etwas Zeit nehmen, um auf seinen Spuren zu wandeln, die in Prag schon zu ausgetreten waren. In Leipzig hatte er die ersten Verleger für „Die Verwandlung“ und „Das Urteil“ gefunden. Die Cafés und Kneipen, in denen er damals verkehrte, gab es nicht mehr. Vielleicht aber noch einen anderen, in seinem Tagebuch mit „B“ verklausulierten Ort. Das führte meine Überlegungen wieder zurück zu meinem Auftrag: Bis zu siebentausend Bauleute, überwiegend Männer, über Jahre in Magdeburg, hatte ich gelesen. Da könnten sich auch im Umfeld von „B“ Versicherungsfälle ergeben.

Das nasskalte Wetter trieb mich früher als gedacht zum Bahnhof zurück. Seine monumentale Fassade ragte in der Dämmerung bedrohlich auf, verwandelte sich aber dahinter in die Glitzerwelt eines tiefgründigen Promenaden-Bahnhofs, in die ich hinabstieg.

Da fiel mir eine  Frau auf, die mich an Miluška erinnerte. Ich hätte sie aber niemals angesprochen, als sie mir, mit seltsam angehobenem Haupt, in der Einkaufspassage entgegenkam, direkt auf mich zu. Ich stoppte. Sie lief weiter, touchierte mich an der linken Schulter, änderte darauf ruckartig die Richtung und stieß mit dem Knie einen Werbeaufsteller um. Sie blieb wie erstarrt stehen, als wenn jemand plötzlich „Freeze!“ kommandiert hätte. Ich war mit ein paar Schritten bei ihr. Sie war nicht ansprechbar. Ein Schock? Wir schauten uns an, aber sie war wie in einer anderen Welt und kam nur langsam zu sich, sagte kein Wort. Sie fing an, mich zu berühren, drückte mit flachen Händen gegen meine Brust, packte mich an beiden Schultern und schüttelte mich, zuerst vorsichtig, dann kräftiger. Ich war irritiert, wir kannten uns nicht, mir fehlten auch die Worte.

„Sie sind ja echt …“, stammelte sie, etwas ungläubig, als wäre ich ein Geist aus dem letzten Jahrhundert. „Wirklich echt!“ rief sie, ließ mich los und tastete mit beiden Händen ihr Gesicht ab, als suche sie etwas. Die Starre in ihrem Gesicht war einem leichten Lachen gewichen. Sie drehte sich um und ging, leicht humpelnd, in die Richtung, aus der sie gekommen war. Ich blieb starr stehen, ging erst nach einer Weile zum Bahnsteig.

Kein ICE nach Sachsen-Anhalts Landeshauptstadt? Im IC, der Norddeich-Mole, den Fähranleger nach Norderney, als Endstation auf der Anzeigentafel auswies, vertiefte ich mich wieder in mein Recherchematerial. Erst die Arbeit, dann das heimliche Ziel.

Richtig voll wurde der Zug in Halle. Ein älterer Herr fragte höflich: „Sorry, ist der Platz neben Ihnen noch frei?“. Ich räumte meinen Rucksack weg. Der Mann streckte sein linkes Bein vorsichtig in den Gang aus. Es ließ sich nicht vermeiden, dass er zusah, wie ich die verschiedenen Zeitungsartikel auf dem Laptop-Bildschirm aufrief. Ungeniert verfolgte er alles. Selbst als ich mich demonstrativ zurücklehnte, die Arme vor der Brust verschränkte, ihn direkt ansah, beugte sich der ungebetene Mitleser vor, um auch noch die letzten Details auf dem meinem Bildschirm zu erkennen.

„Soll ich es Ihnen noch etwas vergrößern?“, fragte ich laut genug, dass einige der Umsitzenden aus ihrem Dämmern mit einem kaum wahrnehmbaren Ruck auffuhren.

„Entschuldigen Sie, ich weiß, das ist nicht höflich, ich war so überrascht, aber ich befasse mich auch gerade mit Intel“.

„Meine Befassung mit dem Thema ist vertraulich, wenn Sie wissen, wie ich das meine.“

„Wissen Sie, was ich gerade erlebt habe?“

Wusste ich nicht, aber dass es mit meiner beschaulichen Recherchearbeit zu Ende war, das wusste ich. „Was denn?“

„Ich möchte nicht stören. Machen Sie ruhig weiter“.

„Und was haben Sie erlebt?“, wandte ich mich ihm zu und signalisierte damit, dass ich bereit wäre, ihm zuzuhören. Vielleicht konnte ich meine Recherchen so fortsetzen.

„Das hätten Sie sehen müssen, bei DELL, vom Polylux zum Ätsch -Em-Di.“

„DELL … Poly… was?“

„DELL, der Computerhersteller, der mit Intel zusammenarbeitet, hat in Halle eine große Niederlassung.“

„Ach so, wusste ich nicht. Und was ist Poly-Jux?“

„Lux. Polylux. Den hatte man früher in den Schulen, man schrieb mit Stiften auf eine Folie, das Bild wurde dann an die Wand projiziert.“

„Ach so, Sie meinen wahrscheinlich einen Overhead-Projektor!“

„Sie kommen wohl nicht von hier, was?“

„Nein. Und wie hieß das andere? Ätsch-Em-Di? Mein Deutsch ist nicht so gut.“

„Das ist ja auch Amerikanisch. Die drei Buchstaben HMD stehen für Head-Mounted-Display.“

„Kenn ich nicht.“

„Man sagt auch VR-Brille dazu, VR für Virtuelle Realität“, belehrte mich mein Sitznachbar.

„Ah, Virtual-Reality, das habe ich schon mal gehört.“

„Also, die haben da den Klassenraum der Zukunft, alles elektronisch, der ganze Raum voller Computer, große und kleine Bildschirme, vor allem große und ganz große, und Kameras, die alles übertragen, für Webkonferenzen. Unser Ministerpräsident, der Wirtschaftsminister und die Geschäftsführer von Deutschland waren da. Ich sage Ihnen, die haben alle Register gezogen.“

„Und wer sind ‚die‘?“

„Intel und DELL!“

„Ah, jetzt verstehe ich: Intel, wohl unser gemeinsames Thema. Und der Bundeskanzler war da?“

„Der Bundeskanzler? Nein.“

„Sie sagten doch ‚Geschäftsführer von Deutschland‘.“

„Nein, ich meinte die Geschäftsführer von DELL Deutschland und die Geschäftsführerin von Intel Deutschland!“

„Und was haben Sie da gemacht?“

„Heute war doch die offizielle Eröffnung des ‚Classroom of the Future‘. Ich war auch eingeladen. Habe mir dann auch eine VR-Brille aufgesetzt und sie getestet.“

Kurz kam mir der boshafte Gedanke, ob man ihn als Repräsentanten von „Oma und Opas for Future“ eingeladen hatte. „Und wie war‘s?“

„Unglaublich, als wenn man in einer anderen Welt wäre, so realistisch durch die 3-D-Technik. Ich habe eine kleine Fabrik gebaut und simuliert. Eine virtuelle Trainerin gab mir am Ende die Anweisung, auf den KI-Knopf zu drücken und dann …“, er strich dabei über sein im Gang ausgestrecktes Bein und kniff die Augen dabei etwas zu.

 „Und dann?“

„Dann musste ich so einem Roboter aus dem Weg gehen, ganz schnell, und schon tat‘s richtig weh.“

„Mhhh … verstehe. Der Roboter hat Sie erwischt.“

„Dem konnte ich noch ausweichen, weil der Avatar in der VR-Welt ‒ oder sagt man die Avatarin? ‒ egal, ‒ mich warnte. Dann bin ich gerannt, in Echt, hatte aber nicht bedacht, dass ja eigentlich nichts passieren konnte, es war ja alles nur virtuell.“

„Ich verstehe. Ihr Bein?“

„Ja, da stand in der Realität ein Stuhl im Weg und ich dann voll … Oh, Mann … hier genau, an dieser Stelle“. Er zeigte mir die Stelle des Grenzkonfliktes zwischen Virtualität und Realität. „Ich habe mich dann gleich entschuldigt.“

„Beim Stuhl?“

„Nein. Auf dem Stuhl saß eine junge Frau. Ihr ist aber nichts passiert, bis auf den Schreck. Aber wir haben uns nach meiner Verarztung noch nett unterhalten. Sie ist Professorin am hallischen Fraunhofer Institut für Mikrostrukturen, thematisch sehr nah an dem Intel-Thema dran, näher als die Forschungsinstitute in Magdeburg. Darf man in Magdeburg aber nicht so laut sagen.“

„In dem Raum der Zukunft werden Schulklassen unterrichtet?“

„Nicht direkt. Es ist für Lehrer und Lehrerinnen aus der Region, für ‚Learning by doing‘ Aktionen, damit sie wissen, was es alles gibt und was sie in der Schule gebrauchen könnten.“

„Hört sich auch nach ‚Showroom‘ an, also ‘Verkaufsraum‘.“

„Stimmt. Jemand sprach davon, dass dieser ‚Digitalpakt Schule‘ noch bis Ende 2024 läuft, und die Gelder noch nicht ausgeschöpft wären.“

Mein lädierter Sitznachbar erhob sich vorsichtig. „Wir sind gleich in Magdeburg, ich muss da raus. Fahren Sie weiter?“

„Heute noch nicht, ich steige auch aus und schaue mir ein paar Tage Magdeburg an. Mich interessieren die Risiken durch die Verwandlung von Magdeburg infolge der Intel-Ansiedlung. Was das mit den Leuten macht, auch mit den Arbeitern und Arbeiterinnen aus dem Ausland. Welche Risiken oder Probleme sehen Sie denn für die Beschäftigten im Zuge der Intel-Ansiedlung?“

„Was meinen Sie mit ‚Ausland‘?“

„Tschechien.“

„Ach so, Tschechien. Da sehe ich kein so großes Risiko. Aber warten wir die nächsten Wahlergebnisse ab.“

„Sie scheinen sich hier ja gut auszukennen.“

„Oh, da kann ich Ihnen einiges erzählen.“

Da musste ich zufassen: „Schön, dann könnten wir uns vielleicht mal bei einem Kaffee treffen und Sie erzählen mir einiges, auch wie das genau ablief, mit Ihrer realen Verletzung durch VR und KI. Was hätten Sie denn gemacht, wenn die Verletzung schlimmer gewesen wäre? Welche Versicherung wäre dann der Kostenträger für die Behandlung und die Reha gewesen?“

„Also, darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht.“

„Sehen Sie, das ist mein Job. Daraus kann sich nämlich schnell ein vertrackter Prozess vor Gericht ergeben.“

Wir trafen uns mehrmals. Es wurde vertrauter, wir kamen zum Du, und ich konnte endlich meine Fragen beim Bier im M2 am Hasselbachplatz anbringen:

„Jan“, fragte ich ihn, „ich habe so viel Widersprüchliches gelesen: In der ‚Volksstimme‘ viel Jubel, dann wieder Wasser- und Bodenzweifel, in der ‚Süddeutschen‘ wird das Magdeburger Projekt verglichen mit den neuen Chip-Projekten in Dresden, München und im Saarland, die mehr Sinn machen würden. Joachim Hofer vom ‚Handelsblatt‘ rät Intel, sich diese Investition in Magdeburg zu sparen. Dann heißt es in der ‚Volksstimme‘, dass eigentlich alles in trockenen Tüchern wäre. Aber auf Seite eins, dass Intel hohe Verluste gemacht hat und auch in Zukunft machen wird. Wie passt das alles zusammen?“

Jan reagierte nicht, war offenbar in Gedanken versunken. So setzte ich fort:

„Und wie passt dazu, wie bei LinkedIn zu lesen ist, dass Intel in andere Werke allein 100 Milliarden Dollar investiert? Ist das nicht zu viel des Guten? Spuren von Selbstzweifel sehe ich aber bei Intel nicht. Wird dir da nicht angst und bange um deine Giga-Chip-Fab?“

„Also, erst einmal, lieber Václav, ist das nicht ‚meine‘ Chip-Fab. Selbstzweifel kann ich auch bei den hiesigen Wirtschafts- und Politikleuten nicht entdecken. Du musst die Meldungen und Artikel genau lesen. Dann löst sich der eine oder andere Widerspruch auf. Vielleicht.“

„Jan, ich brauche Fakten für meine Risikobeurteilung!“

„Abwarten kann ich nur sagen, abwarten und noch ein Bier trinken.“

„Aber ich will doch weiter, weiter, auf den Spuren von K.“

„Meinst du Josef K.? Kafka?“

„Genau. Ich versuche, auf seinen Spuren zu wandeln. Aber dass die Intel-Sache hier für mich so verworren und unübersichtlich wird, mich so lange aufhält, das hatte ich nicht erwartet. Was soll ich denn nach Prag berichten?“

„Sag doch, du hättest einen Guide, einen Aufpasser, der dich daran hindert, zum Kern der Sache vorzustoßen, dass du nicht den Mut aufbringst, selbst der Sache auf den Grund zu gehen. Dass das wahrscheinlich im Hintergrund von langer Hand eingefädelt worden und dass die Begegnung im Zug möglicherweise kein Zufall gewesen sei. Der Aufpasser tue nur so, als ob er alles wisse, verweist auf die Zeremonienmeister der Stadt, der Regierung, an die er dich aber nicht herankommen lässt. Dass du dir aber auch nicht sicher bist, ob der Guide sie tatsächlich kennt. Sag, du brauchtest deswegen noch Zeit.“

„Die halten mich in Prag doch für verrückt!“

„Bist du ja auch, vielleicht, ein bisschen.“

„Jan, mal ehrlich: Unser Treffen im Zug war nicht zufällig?“

„Václav, jetzt bist du wirklich verrückt! Gleich behauptest du noch, dass der Zug geheime Abteile hatte, wo man Intel-Erlaubnisscheine holen musste.“

„Das ist mir zu viel. Erlaubnisscheine. Aufpasser. Ich muss jetzt ins Hotel, morgen gehts sehr früh weiter.“

„Stimmt, ja, nach Norderney.“

Im Hotel konnte ich nicht einschlafen und wanderte durchs Zimmer. Ich fühlte mich beobachtet und manipuliert. Ich hatte mit Jan über mein Reiseziel an der Nordsee gesprochen. Er schwärmte allerdings von der Ostseeküste. Ich recherchierte: K. war tatsächlich auch an der Ostsee gewesen! Ich buchte um.

Ich musste grinsen, als ich mir am nächsten Morgen im fast leeren Zug Richtung Ostsee vorstellte, wie Jan mich vergeblich im Zug nach Norddeich-Mole suchen würde, um mich „rein zufällig“ zu treffen.

Im Schwebezustand zwischen Denken und Dämmern fuhr ich dahin, machte schon Pläne, wie ich am nächsten Tag an der Seebrücke Graal-Müritz in Erinnerungen an K. versinken würde, als jemand freundlich fragte: „Sorry, ist der Platz neben Ihnen noch frei?“

Freitag, 10. Mai 2024

# 051a "K wie Karambolage"- Ein VR Movie

Ich hatte mich gleich bereit erklärt, den Ortstermin wahrzunehmen. Es passte in meinen Plan, von Prag aus auf seinen Spuren zu wandeln, nach und nach seine Reisen nachzuvollziehen. Magdeburg lag schon auf halber Strecke zur Insel Norderney, aber das behielt ich für mich. Dorthin hatte K. als junger Mann seine erste Reise unternommen. War er auch mit der Eisenbahn über Magdeburg gefahren, um sich dort über Fragen der Arbeitssicherheit zu informieren? Magdeburg war damals neben Böhmen ein wichtiges Industriezentrum.

Seit einiger Zeit häuften sich die Anfragen von meinen tschechischen Landsleuten, ob unser Schutz für die verschiedenen Policen auch gelte, wenn man für ein paar Jahre auf dieser Baustelle in Deutschland arbeiten und zugleich in Magdeburg leben würde. Dort sollte etwas Neues entstehen: Riesige Computerchip-Fabriken, Giga-Chip-Fabs. Kamen da neue Risiken auf unsere Versicherung zu?

Wandbild auf dem Weg von DELL
zum Hbf Halle (Saale)

„Wir müssen uns den neuen Technologien stellen, deren Umfeld und Risiken ausleuchten und vor allem die Rolle der KI begreifen“, verkündigte ich den Herren Direktoren. Denen gefiel das: „Da müssen jetzt die jungen Leute ran, das ist die Zukunft, also los!“, hieß es. Die Herren waren nun so gut gelaunt, dass ich ein paar Urlaubstage anhängen durfte.   

Jung war ich. Ich sprach auch Deutsch, in der Schule auf nachdrückliches Anraten meines Vaters gelernt. Beim Umstieg in Dresden kaufte ich die aktuelle „Süddeutsche“ und das „Handelsblatt“. Für meine Recherchen hatte ich auf meinem Notebook schon ältere Ausgaben der beiden Zeitungen sowie meinen Abo-Zugang zum E-Paper der „Magdeburger Volksstimme“, die ich im ICE nach Leipzig nach „Intel“ durchforstete. Mir fiel dabei zum ersten Mal bewusst das kleine, silbern glänzende Label neben meiner Notebook-Tastatur auf: „intel CORE i7 10TH GEN“, obwohl es dort schon seit zwei Jahren kleben musste.

Für den Zwischenstopp in Leipzig, der Stadt der Bücher, wollte ich mir etwas Zeit nehmen, um auf seinen Spuren zu wandeln, die in Prag schon zu ausgetreten waren. In Leipzig hatte er die ersten Verleger für „Die Verwandlung“ und „Das Urteil“ gefunden. Die Cafés und Kneipen, die damals seine Treffpunkte mit Ernst Rowohlt und Kurt Wolff waren, gab es nicht mehr. Vielleicht aber noch einen anderen, in seinem Tagebuch verschlüsselt mit „B“ nicht genau bezeichneten Verweilort. Das führte meine Überlegungen wieder zu meinem Auftrag zurück: Bis zu siebentausend Bauarbeiter, überwiegend Männer, über Jahre in Magdeburg, hatte ich gelesen. Zum Risiko der Transformation wird auch das Thema „B“ gehören. Da können und werden Unfälle und Zusammenstöße passieren.

Das nasskalte Wetter trieb mich früher als gedacht zum Kopfbahnhof zurück. Die monumentale Fassade ragte in der Dämmerung bedrohlich auf, verwandelte sich aber dahinter in die Glitzerwelt eines tiefgründigen Promenaden-Bahnhofs.

Ich hatte noch etwas Zeit, in der unterirdischen Geschäftswelt zu flanieren und einer meiner Lieblingsbeschäftigungen nachzugehen dem Beobachten von Menschen. Mir fiel gleich eine interessante Frau auf, die mich an Miluška, erinnerte. Nordisch kühl, mit pechschwarzen aufgesteckten Haaren, eine, die weiß, was sie will. Ich hätte sie aber niemals angesprochen, als sie mir mit seltsam angehobenem Haupt in der Einkaufspassage entgegenkam. Plötzlich änderte sie ihre Richtung, ging auf mich zu. Ich stoppte. Sie lief weiter. Ich trat im letzten Moment zur Seite. Zu spät. Sie touchierte mich an der linken Schulter, änderte darauf die Richtung und stieß mit dem Knie krachend einen Werbeaufsteller um. Sie blieb wie erstarrt stehen, als wenn jemand „Freeze!“ kommandiert hätte. Ich war in ein paar Schritten bei ihr. Sie war nicht ansprechbar. Ein Schock? Ein Blickkontakt stellte sich erst allmählich ein. Wir schauten uns zwar an, aber sie war wie in einer anderen Welt und kam nur langsam zu sich, sagte kein Wort. Sie fing an, mich anzufassen, drücke mit flachen Händen gegen meine Brust, packte mich an beiden Schultern und schüttelte mich, zuerst vorsichtig, dann kräftiger, dann wieder langsam wiegend, als ob sie mein Gewicht schätzen wollte. Ich war irritiert, wir kannten uns nicht, fand es „übergriffig“, aber mir fehlten auch die Worte.

„Sie sind ja echt …“, stammelte sie, ihr Blick war jetzt auf mich gerichtet, etwas ungläubig, als wenn ich ein Geist aus dem letzten Jahrhundert wäre. „Sie sind ja echt!“, rief sie, „wirklich echt!“ Sie ließ mich los und tastete mit beiden Händen ihren Kopf, ihr Gesicht ab, als wenn sie etwas suchte. Die Starre war in ihrem Gesicht einem freien Lachen gewichen, als wenn sie etwas begriffen hätte. Sie drehte sich weg und rannte, leicht humpelnd, in die Richtung, aus der sie gekommen war. Ich sah kurz Ihren schönen Nacken. Sie verschwand. Schade.

Kein ICE in Richtung Sachsen-Anhalts Landeshauptstadt? Im IC nach Magdeburg, der schon Norddeich-Mole, den Fähranleger nach Norderney, als Endstation auf der Anzeigentafel auswies, vertiefte ich mich wieder in mein Recherchematerial. Erst die Arbeit, dann das heimliche Ziel. So konnte ich trotz der vielen Mitreisenden ganz für mich sein.

Richtig voll wurde der Zug in Halle, fast bis auf den letzten Platz. Ein älterer Herr fragte höflich, aber bestimmt: „Sorry, ist der Platz neben Ihnen noch frei?“, sodass ich meinen Rucksack von dort wegnahm. Er streckte sein linkes Bein vorsichtig in den Gang und stöhnte dabei, den Kopf schüttelnd. Ein wenig zu laut, wie ich fand. Ob von ihm beabsichtigt oder nicht: Es ließ sich nicht vermeiden, dass er zusah, wie ich die verschiedenen Zeitungsartikel auf dem Laptop-Bildschirm aufrief. Ungeniert verfolgte er alles. Selbst als ich mich demonstrativ zurücklehnte, die Arme vor der Brust verschränkte, ihn direkt und ernst ansah, bewirkte dies nur, dass der ungebetene Mitleser sich zu meinem Computer vorbeugte, seine Brille aufsetzte, um wohl auch noch die letzten Feinheiten erkennen zu können.

„Soll ich es für Sie noch etwas vergrößern?“, fragte ich etwas scharf und laut genug, sodass einige der Umsitzenden aus ihrem Dämmern mit einem kaum wahrnehmbaren Ruck auffuhren.

„Entschuldigen Sie, sorry, ich weiß, das ist nicht höflich, ich war so überrascht, aber ich befasse mich gerade viel mit Intel, und, wie ich sehe, Sie auch?“

„Meine Befassung mit dem Thema ist beruflicher Natur. Vertraulich, wenn Sie wissen, wie ich das meine.“

„Ich glaubte, gleich eine Ahnung zu haben, als ich den freien Platz neben Ihnen entdeckte“, sagte er, gerade so laut, dass ihm auch die Aufmerksamkeit der anderen gewiss war.

„Eine Ahnung?“

„Wissen Sie, was ich gerade erlebt habe?“

Wusste ich nicht, aber dass es mit meiner beschauliche Recherchearbeit zu Ende war, das wusste ich und klappte mein Notebook zu. „Was denn?“, fragte ich, nun in einem etwas mehr interessierten und leiseren Tonfall.

„Ich möchte nicht stören. Machen Sie ruhig weiter“. Er war auch leiser geworden, sodass bei   Sitznachbarn die Lider wieder schwerer wurden und sie sich wieder dem Dösen hingaben.

„Und was haben Sie erlebt?“, wandte ich mich ihm zu und signalisierte mit einer auffordernden Geste, dass ich bereit wäre, ihm, dem Ahnungsvollen, zuzuhören. Vielleicht konnte ich meine Recherchen auf eine andere Art fortsetzen.

„Das hätten Sie sehen müssen, bei DELL, vom Polylux zum Ätsch -Em-Di.“

„DELL … Poly… was?“

„DELL, der amerikanische Computerhersteller, der mit Intel zusammenarbeitet, hat in Halle eine große Niederlassung.“

„Ach so, wusste ich nicht.“ Unauffällig verdeckte ich mit meiner Hand das DELL-Logo meines Notebooks und lenkte ab: Und was ist noch mal Poly-Jux?“

„Lux. Polylux. Den hatte man früher in den Schulen, man schrieb mit Stiften auf eine Folie, das Bild wurde dann an die Wand projiziert.“

„Ach so, Sie meinen wahrscheinlich einen Overhead-Projektor!“

„Sie kommen wohl nicht von hier, was?“

„Nein. Und wie hieß das andere? Ätsch-Em-Di? Mein Deutsch ist nicht so gut.“

„Das ist ja auch Amerikanisch. Die drei Buchstaben HMD für Head-Mounted-Display.“

„Kenn ich nicht.“

„Man sagt auch VR-Brille dazu, VR für Virtual-Reality“, belehrte mich mein Sitznachbar, tastete dabei sein linkes Schienbein ab und verzog das Gesicht schmerzlich.

„Ah, Virtual-Reality, das habe ich schon mal gehört oder im Internet gesehen.“

„Also, die haben da den Klassenraum der Zukunft eröffnet, alles elektronisch, der ganze Raum voller Computer, große und kleine, Bildschirme, vor allem große und ganz große, und Kameras, überall, die alles übertragen für Webkonferenzen zwischen Lernenden und Lehrenden. Unser Ministerpräsident, der Wirtschaftsminister und die Geschäftsführer von Deutschland waren da. Insgesamt bestimmt 250 Personen. Ich sage Ihnen, die haben alle Register gezogen, ich bin jetzt noch richtig erschlagen.“

„Und wer sind ‚die‘?“, versuchte ich ihn daran zu erinnern, dass ich neben ihm saß.

„Intel und DELL!“

„Ah, jetzt verstehe ich: Intel auch. Unser gemeinsames Thema. Und der Bundeskanzler war da?“

„Der Bundeskanzler? Nein.“

„Sie sagten doch ‚Geschäftsführer von Deutschland‘.“

„Nein, ich meinte die Geschäftsführer von DELL Deutschland und die Geschäftsführerin von Intel Deutschland!“

„Und was haben Sie da gemacht?“

„Heute war doch die offizielle Eröffnung des ‚Classroom of the Future‘. Gäste aus Politik, Wirtschaft und Medien. Ich war auch eingeladen.“ Dabei zelebrierte der euphorisierte und wieder aufdringlicher werdende Mitreisende einen Augenaufschlag, den man fast klappern hören konnte und setzte fort: „Ich habe dann auch die VR-Brille aufgesetzt und etwas probiert.“

Kurz kam mir der Gedanke, dass man ihn als Repräsentanten von „Oma und Opas for Future“ eingeladen haben könnte. Aber die Bemerkung verkniff ich mir. „Und wie war‘s?“

„Unglaublich, als wenn man wirklich in einer anderen Welt wäre, so realistisch durch die 3-D-Technik. Ich habe eine kleine Fabrik gebaut und gleich simuliert. Eine virtuelle Trainerin gab mir am Schluss die Anweisung, auf den virtuellen KI-Knopf zu drücken und dann …“, er strich dabei über sein im Gang ausgestrecktes Bein, kniff die Augen etwas zu.

 Und dann?“

„Dann musste ich so einem fahrenden Roboter aus dem Weg gehen, ganz schnell, und schon tat‘s richtig weh.“

„Der Roboter hat Sie erwischt?“

„Da konnte ich noch ausweichen, weil diese nette Trainerin, also der Avatar in der VR-Welt ‒ oder sagt man die Avatarin? ‒ egal ‒ mich warnte und mir die Fluchtrichtung anzeigte. Dahin bin ich gerannt, in Echt, hatte in dem Moment nicht bedacht, dass ja eigentlich nichts passieren konnte, es war ja alles nur virtuell, nicht echt.“

„Ich verstehe. Ihr Bein?“

„Ja, da stand in der Realität ein Stuhl im Weg und ich dann voll … Oh, Mann … hier genau, an dieser Stelle“. Meine Zufallsbekanntschaft hob sein Bein, um mir exakt die Stelle des Grenzkonfliktes zwischen Virtualität und Realität zu zeigen und setzte fort: „Ich habe mich dann gleich entschuldigt.“

„Beim Stuhl?“

„Nein. Auf dem Stuhl saß eine junge Frau. Ihr ist aber nichts passiert, bis auf den Schreck. Aber wir haben uns nach meiner Verarztung noch nett unterhalten. Sie ist Professorin am hallischen Fraunhofer Institut für Mikrostrukturen, thematisch nah an dem Intel-Thema dran, näher als die Forschungsinstitute in Magdeburg. Darf man in Magdeburg aber nicht so laut sagen.“

„Und die Frau wollte auch den ‚Classroom for the future‘ nutzen?“, insistierte ich, bevor er wieder abschweifen konnte.

„Es war schon beeindruckend zu sehen, was da auf unsere Schulen zukommt.“

„In dem Raum werden jetzt Schulklassen unterrichtet?“

„Nicht direkt. Es ist ein Raum für Lehrer und Lehrerinnen aus der Region für ‚Learning by doing‘, damit sie wissen, was es alles gibt und was sie in der Schule gebrauchen könnten. Sie lernen, um dann besser als die Schüler und Schülerinnen in den oberen Klassen oder in der Berufsschule mit der Hard- und Software umgehen zu können.“

„Hört sich auch etwas nach ‚Showroom‘ an, auf Deutsch: ‘Verkaufsraum‘.“

„Mag sein. Ja, stimmt. Jemand sprach davon, dass dieser ‚Digitalpakt Schule‘ noch bis Ende 2024 läuft, und die Gelder noch nicht ausgeschöpft wären.“

Einige Fahrgäste wurden unruhig, und mein lädierter Sitznachbar erhob sich vorsichtig. „Wir sind gleich in Magdeburg, ich muss da raus. Fahren Sie weiter?“

„Heute noch nicht, ich steige auch aus und schaue mir Magdeburg ein paar Tage an. Mich interessiert die Verwandlung von Magdeburg im Rahmen des zu erwartenden Transformationsprozesses durch die Intel-Ansiedlung. Was das mit den Leuten hier macht, auch mit den Arbeitern und Arbeiterinnen aus dem Ausland während der Bauphase. Welche Risiken oder Probleme sehen Sie für die Beschäftigten im Zuge der Intel-Ansiedlung?“

„Was meinen Sie mit Ausland?“

„Tschechien.“

„Ach so, Tschechien. Da sehe ich kein so großes Risiko. Aber warten wir die nächsten Wahlergebnisse ab.“

„Sie scheinen sich hier ja gut auszukennen. Auch mit Intel, sagten Sie?“

„Oh, da kann ich Ihnen einiges erzählen.“

Da musste ich zufassen: „Schön, dann könnten wir uns vielleicht mal bei einem Kaffee treffen und Sie erzählen mir einiges, auch wie das genau war, mit Ihrer realen Verletzung durch VR und KI. Was hätten Sie gemacht, wenn die Verletzung schlimmer gewesen wäre? Welche Versicherung wäre dann der Kostenträger für die Behandlung und die Reha gewesen?“

„Also, darüber habe ich noch nie nachgedacht.“

„Sehen Sie, das zu klären, ist nun mein Job. Da kann schnell ein vertrackter Prozess anhängig werden.“

Wir trafen uns mehrmals in den nächsten Tagen. Es wurde vertrauter, wir kamen zum Du, und ich konnte die in mir angestauten Fragen beim Bier im M2 am Hasselbachplatz anbringen:

„Jan, ich habe so viel Widersprüchliches gelesen: In der ‚Volksstimme‘ viel Jubel, dann wieder Wasser- und Bodenzweifel, in der ‚Süddeutschen‘ wird das Magdeburger Projekt verglichen mit den neuen Chip-Projekten in Dresden, München und im Saarland, die wohl näher am deutschen Markt sind und deswegen mehr Sinn machen. Joachim Hofer vom ‚Handelsblatt‘, der scheint ja ein internationaler Halbleiter-Spezialist zu sein und müsste es wissen, rät Intel, sich diese Investition in Magdeburg zu sparen, weil sie sich wirtschaftlich nicht rechnen würde. Dann bin ich wieder auf mehrere ‚Volksstimme‘-Artikel von vor einigen Monaten gestoßen, in denen es hieß, dass eigentlich alles in trockenen Tüchern wäre. Dann vor kurzem nicht nur in der ‚Volksstimme‘, aber da auf Seite eins, die Hiobsbotschaft, dass Intel in der Vergangenheit hohe Verluste gemacht hat und auch in Zukunft machen wird. Wie passt das alles zusammen?“

Jan reagierte nicht, er dachte wohl nach, und nachdem ich wieder zu Atem gekommen war, setzte ich fort: „Und wie passt dazu, dass die Intel-Kollegen die 10 großen Neubauprojekte neulich bei LinkedIn schön säuberlich aufgelistet gesehen haben, darunter auch Magdeburg, und so auf insgesamt über 100 Milliarden Dollar Investition kommen? Da schwebt für mich doch ein Fragezeichen über allem, ob das nicht zu viel des Guten ist. Spuren von Selbstzweifel sehe ich bei Intel aber nicht. Wird dir da nicht angst und bange um deine schöne, ambitionierte Giga-Chip-Fab hier? In Frankfurt/Oder wurde schon mal ein Intel-Projekt in den brandenburgischen Sand gesetzt, obwohl das Gebäude schon stand, weil eine öffentliche Bürgschaft nicht rechtzeitig kam, das kannst du nachlesen.“

„Also, erstmal, lieber Václav, ist das nicht ‚mein‘ Intel und ‚mein‘ Projekt ist es auch nicht. Selbstzweifel bei Intel sowie den lokalen Wirtschafts- und Politikleuten kann ich beim besten Willen nicht entdecken. Einzelne Meldungen und Artikel muss man genau und komplett lesen, auch wenn das manchmal mühsam und kompliziert ist. Dann löst sich der eine oder andere Widerspruch auf. Vielleicht.“

„Warum habe ich dann kein klares Bild in dieser Angelegenheit? Da ist noch allenthalben auch noch die Fachkräfteflaute! Deine Bemerkung von neulich habe ich noch in Erinnerung, dass es hier mit der Willkommenskultur besser werden muss. Mann, ich brauche eine Grundlage für meine Risikobeurteilung! Das kommt mir manchmal vor, als wenn ein großer Dampfer auf etwas zufährt und viele am Steuerrad zerren, damit es zu keiner Kollision mit dem Eisberg kommt.“

„Abwarten kann ich nur sagen, abwarten und noch ein Bier auf dem Sonnendeck des Dampfers trinken, der erst richtig Fahrt aufnimmt. Die Einspruchsfrist bezüglich der Genehmigungsunterlagen ist abgelaufen. Ende Mai ist die Verhandlung der Einsprüche, dem Ereignis angemessen, in der heiligen Halle der Johanniskirche. Ob dann eine Beichte erfolgt, Reue gezeigt wird oder mit einem Kurswechsel gebüßt wird, das wird man sehen.“

„Apropos Buße, Reue, Prozess, vielleicht sogar Strafkolonie: Kennst du eigentlich K?“

„K? Meinst du Josef K? Oder Kafka? Da ist wieder einmal ein Gedenkjahr.“

„Genau. Ich versuche auf seinen Spuren zu wandeln, aber dass diese Intel-Sache hier für mich so verschlungen und unübersichtlich wird, war nicht mein Plan. Was soll ich nach Prag berichten?“

„Sag doch, du hättest in mir einen Guide, einen Aufpasser gefunden, der dich daran hindert, zum Kern der Sache vorzustoßen, dass du nicht den Mut aufbringst, selbst der Sache auf den Grund zu gehen. Schreib, dass das wahrscheinlich von langer Hand eingefädelt worden und dass das Kennenlernen im Zug möglicherweise arrangiert, also kein Zufall gewesen sei. Der Aufpasser tue nur so, als ob er alles wisse, relativiert dies aber gleichzeitig, verweist auf die offiziellen Zeremonienmeister der Stadt, der Regierung, an die du nicht herankommen kannst, und dass du dir zugleich nicht sicher bist, dass der Guide sie tatsächlich kennt. Du müsstest ganz von vorn anfangen, brauchtest noch Zeit. Alles würde sich stetig wandeln, hat einen für dich noch nicht erfassbaren Prozess eben.“

„Die halten mich doch für verrückt!“

„Bist du ja auch, vielleicht, ein bisschen, wer weiß.“

„War unser Treffen im Zug doch nicht zufällig?“

„Václav, jetzt bist du wirklich verrückt! Du musst nur noch behaupten, dass der Zug geheime Abteile hatte, wo man Intel-Erlaubnisscheine holen muss.“

„Das ist mir zu viel. Erlaubnisscheine. Aufpasser. Ich muss jetzt ins Hotel, morgen gehts sehr früh weiter.“

„Stimmt, ja, nach Norderney.“

Wir verabschiedeten uns mit dem Versprechen, in Kontakt zu bleiben. Im Hotel konnte ich nicht einschlafen. Ich war beunruhigt. Stand wieder auf. Wanderte durchs Zimmer. Ich fühlte mich beobachtet, ausgerechnet und manipuliert. Ich hatte mit Jan über Reiseziele gesprochen. Der schwärmte, anders als ich von der Nordsee, von der deutschen Ostseeküste, von Hiddensee und Usedom. Ich warf den Computer an und recherchierte: K. war tatsächlich auch an der Ostsee gewesen, in Müritz! Ich buchte kurzentschlossen um.

Ich musste lächeln, als ich mir am nächsten Morgen im Zug Richtung Ostsee vorstellte, wie Jan mich vergeblich im Zug nach Norddeich-Mole wieder zu treffen versuchte. Natürlich „rein zufällig“.

Ich genoss die Zugfahrt. Im Schwebezustand zwischen Denken und Dämmern fuhr ich dahin, machte schon Pläne, wie ich am nächsten Tag an der Seebrücke Graal-Müritz in Erinnerungen an K. versinken würde, als jemand freundlich fragte, obwohl fast alle anderen Plätze im Wagen noch frei waren: „Sorry, ist der Platz neben Ihnen noch frei?“